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Bitte keine Berlinifizierung Nürnbergs. Wir brauchen den Scheiß hier nicht.

Hipster, geht bitte weit weg. Nach Berlin. Obwohl, die Berliner packen Euch ja auch nicht. Geht nach New York. Da könnt ihr nichts kaputt machen.

In Nürnberg braucht es keine Berlinifizierung. Denn Berlin ist ziemlich am Arsch.

Wie sehr am Arsch, das könnt ihr exemplarisch hier lesen:

Hipsterstall killed the Videostore

Meine heutige Leseempfehlung an Euch. Bitte wirklich lesen. Und wer dann noch von Berlinifizierung faselt, der soll dann bitte auch dorthin gehen. Danke.

Franken Fernsehen raus aus der DVB-T-Verbreitung.

Gerade entdecke ich im Blog von Peter Viebig, dass sich Franken Fernsehen aus der DVB-T-Verbreitung in Nürnberg zurückgezogen hat. Über Kabel und Sat kann man Franken Fernsehen weiterhin sehen.

Mit dem Rückzug aus der DVB-T-Verbreitung hat in der Region RTL im Jahr 2010 begonnen. Im letzten Jahr strichen dann bibel.tv und Euronews die Segel. Schon damals habe ich ein bisschen wehgeklagt, weil jeder Senderrückzug die DVB-T-Plattform weiter gefährdet. DVB-T ist aber Grundversorgung – und weiterhin gerade bei „Wenigsehern“, in günstigen Altbauten, z.T. auf dem Land und bei Zweitgeräten verbreitet. Wenn das so mit DVB-T weitergeht, dann wird die Technik wohl schon bald nackte SD-Grundversorgung der öffentlich-rechtlichen Programme bedeuten – schade!

Morgen gegen die Ausmalung des Rauthaussaals stimmen!

Wer morgen in Nürnberg seine Stimme zur Europawahl abgibt, hat auch die Möglichkeit, beim Ratsbegehren um die Ausmalung des historischen Rathaussaals mitzustimmen. Selten bin ich so direkt, diesmal aber fordere ich Euch auf:

Geht morgen zur Wahl und stimmt gegen den den Unsinn der Ausmalung des Rathaussaals, wie ihn die „Altstadtfreunde“ befürworten – stimmt mit NEIN!

Zwischen 1332 und 1340 wurde der heute als „historisch“ bezeichnete Rathaussaal gebaut und entsprechend der damaligen Gepflogenheiten gestaltet. Ab 1521 wurde dann unter der Leitung Dürers die Innenausstattung nebst Wandbemalung erschaffen, ging im Laufe der Jahre aber verloren und wurden immer wieder zeitgeistig „rekonstruiert“, zum letzten Mal kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert. Schon das, was damals im Saal zu sehen war, hatte – so die Experten – mit dem, was Dürer einstmals malte, höchstens im Allerentferntesten zu tun. Selbst Befürworter der Ausmalung müssen zugeben, dass die letzte „Sanierung“ aus dem Jahren 1904/05 einer „Neuasmalung“ gleichkam – die Dürersche Handschrift war schon zu diesem Zeitpunkt im Saal unwiederbringlich verloren. 1945 brannte der historische Rathaussaal vollständig aus – es blieb nichts Rekonstruierbares übrig. Gar nichts. Der Rathaussaal wurde Ende der 1950er Jahre wieder aufgebaut – unbemalt.

Ende der 1980er Jahre passierten dann zwei interessante Dinge: Farbdias, die Teile des Rathaussaals in der Ausmalung von 1904/05 zeitgen (aufgenommen 1943) wurden wiederentdeckt. Und: Im Zuge der Debatte fertigte der Künstler Michael Matthias Prechtl einen zeitgenössischen Entwurf, den er nach Diskreditierung der Mulzer-Brigaden Altstadtfreunde zurückzog. Die Geschichte des Saals lässt sich im NürnbergWiki übrigens recht gut nachvollziehen.

Und heute? Heute fordern die Altstadtfreunde eine Rekonstruktion der Wandbemalung Dürers nach den Farbdias von 1943 und anderen Fotografien in schwarz-weiß. Dass das weder etwas mit Dürer noch mit Rekonstruktion im engeren Sinne zu tun hat, ist hinlänglich bekannt – das ficht die „Altstadtfreunde“ aber nicht an.

Die Bemalung des Rathaussaals gemäß dem Vorschlag der „Altstadtfreunde“ ist Unsinn, …

  • … denn mit Dürer hat das alles nichts mehr zu tun
  • … denn das, was sich aus der alten und lücken- wie fehlerhaften Fotodokumentation herausziehen ließe, noch nicht einmal den Stand der Neugestaltung von 1904/05 wiederzugeben in der Lage ist.
  • … die geschätzten Kosten für die Ausmalung würden sich auf bis zu 9 Millionen Euro belaufen (und wer sich so ein Projekt mal detailliert vorstellt, kommt schnell auf den Trichter, dass es gerne auch noch teurer werden kann). Geld, das Nürnberg nicht hat, Geld das überall dringender gebraucht wird – kurz: viel zu teuer für so einen Unsinn.
  • … denn Nürnberg ist nicht Disneyland und unsere Altstadt ist Lebensraum und kein Freilandmuseum für Butzenscheiben, Lebkuchen, Bratwürste und naive Malerei.
  • … denn der Stadtrat hat bereits gegen diesen Blödsinn gestimmt. Nur die Mulzer-Brigade „Altstadtfreunde“ interessieren sich halt nicht für den Beschluss eines demokratisch legitimierten Stadtrates, warum denn auch?

Wer sich vor der morgigen Wahl den Schriftsatz zum Ratsbegehren in aller epischer Breite zu Gemüte führen möchte, der hat hier Gelegenheit dazu.

Fazit: Die Ausmalung des Rathaussaals kann nicht sinnvoll gelingen, verschlingt höllisch viel Geld, das in unserer schönen Stadt an allen Ecken und Enden fehlt und ist damit schlicht Unfug. Es ist traurig, dass der Wähler hier überhaupt korrigierend eingreifen muss – daher gilt: Morgen zur Wahl und mit NEIN gegen die Ausmalung gestimmt!

Nürnberg kann mehr als man denkt. Eine Replik auf Sugar Ray Banisters Artikel „Warum Nürnberg nicht das bessere Berlin ist“

Eine Diskussion, welche Stadt wohl am „berlinerischsten“ ist, mag mindestens grotesk anmuten. Wer will Nürnberg schon mit Berlin vergleichen – Berlin ist weit über sechsmal so groß wie Nürnberg, Berlin ist nicht nur Stadt, sondern auch selbstständiges Bundesland und damit in vielen Entscheidungen freier als eine Kommune – und: Berlin hat eine internationale Strahlkraft, derer sich der Bundesbürger nur selten bewusst wird – nicht nur als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch wegen der geografischen Lage und der jüngsten Geschichte – als Drehscheibe zwischen Ost und West (Deutschland wie Europa). All das bläst einer Stadt auch dann noch warmen Sommerwind unter die Flügel, wenn die Verschuldung bei knappen 60 Milliarden Euro liegt (zum Vergleich Nürnberg: 1,3 Milliarden Euro), wenn Teile des ÖPNV nicht richtig funktionieren und überdimensionierte Flughäfen schön langsam in den märkischen Sand sinken.

Als kleiner Bub bin ich von meinen Eltern (zu Zeiten der Teilung) mit nach Westberlin genommen worden. An meine Gefühle damals kann ich mich gut erinnern: Berlin war ein Abenteuer und Berlin war dunkel. Bis auf die Leuchtreklamen am Europacenter, das Café Kranzler und das KaDeWe habe ich Berlin als fürchterlich dunkel in Erinnerung*. Diese Stimmung konnte ich erst zehn Jahre später wieder aufgreifen, als ich den Film „Der Himmel über Berlin“ zum ersten Mal sah, und allein dessen Präzision in der Beobachtung mich noch heute gleichermaßen erschreckt und berührt. Als ich als Jugendlicher Mitte der 1990er Jahre wieder nach Berlin kam, atmete die Stadt auf – aus jeder Bodenspalte und zwischen jeder Straßenschlucht wehte ein milder Wind des Aufbruchs. Ich schreibe hier nicht nur vom ersten Besuch der Galerie Tacheles, sondern auch vom ersten gut geführten Antiquariat, das Bücher nach Kilopreis verkaufte, von meiner ersten Lovepaarade, von dem vielen Gekritzel auf Wänden und Pfählen, das nur allzu oft das Leben nach der politischen Wende thematisierte, das vielleicht eine Art öffentliche Schreibtherapie war und heute als „Street Art“ verklärt wird. Ich schreibe aber auch von Wohnungen in Prenzlauer Berg, die noch zur Jahrtausendwende mit Kohlen geheizt wurden, Klo habe Treppe.

Was hat das alles mir Nürnberg zu tun? Nürnberg ist für mich so gänzlich anders als Berlin. Nürnberg ist langsam und konstant. Ich kenne Straßenzüge in St. Leonhard, die sehen heute noch genauso aus, wie in den 1980er Jahren, als ich sie das erste Mal sah, und ich kenne Fotos, da weiß ich, dass sie noch genauso aussehen, wie in den 60ern. In manchem Nürnberger Vorort fühlt man sich erdrückt von überbordender Spießigkeit. Und in manchem Straßenzug in der Südstadt mag man Angst bekommen, dass in ein paar Jahren soziale Unruhen ausbrechen, so niedergewirtschaftet sind die. Strahlkraft? Aufbruch? Pustekuchen. Wo der Staub vergangener Generationen nicht liegt und wo nicht historisierende Altstadt ist, da stehen seelenlose Funktionsbauten unserer Tage.

Und dann veröffentlicht Puls, ein Spartenradioprogramm des Bayerischen Rundfunks, einen Blogpost mit dem etwas seltsamen Titel „Hipsterhauptstadt mit Herz – 5 Gründe warum Nürnberg das bessere Berlin ist“ und schmiert damit fingerdick Balsam auf die geschundene fränkische Volksseele. Irgendwo ist schon klar, dass dieser Post nicht ganz ernst gemeint ist. Und doch stimmt er ein in einen Tenor, den ich in den letzten Monaten immer wieder höre: Nürnberg ist so hip, so kreativ, so toll geworden – Nürnberg kann es mit Berlin aufnehmen. Und aus den Reaktionen, die ich per Mail bekam, via Twitter und in den Blogs, schließe ich, dass dieses BR-Ding gerade ernst genommen wird. Krass, oder?

Also schaue ich mir mal die fünf Punkte an, warum wir gerade besser sein sollen, als Berlin:

Zuerst einmal wird Gostenhof ins Feld geführt, wie toll und kreativ dort alles ist. Redakteure des Bayerischen Rundfunks müssen einen Narren an Gostenhof gefressen haben – zu Jahreswechsel erst sendete das dritte Programm eine Doku über die Fürther Straße (vgl. hier), bei der ins selbe Horn geblasen wurde. Es ist in Gostenhof im Prinzip ja ähnlich wie in Kreuzberg und Prenzlauer Berg: Erleben Stadtviertel einen wirtschaftlichen Niedergang und lässt Bausubstanz und Infrastruktur eine entsprechende Nutzung zu, so siedeln sich auf den günstigen Flächen Menschen mit viel Kreativität und wenig Geld an. Das geht ein paar Jahre lang so gut, dann werden vom Nimbus der Kreativen all jene angezogen, die mehr Geld als Kreativität haben und an der Stimmung partizipieren wollen. Wenn dann die Gentrifizierung durchschlägt, ist die Stimmung zwar im Arsch, dann kommen die Prenzlbergmuttis, aber der Stadtteil ist auf die nächsten dreißig Jahre saniert. Was heute GoHo ist, war vor 15 Jahren noch Johannis. Und wer sagt, dass – angesichts des Abstiegs der Südstadt – im Jahre 2020 nicht die Allersberger Straße der zukünftige kreative Hotspot Nürnbergs ist?

In GoHo liegen Quelle und AEG, beide ziehen kunstsinnige Menschen an. Doch der Wegzug der Zentrifuge, Dirk bemerkt das zu Recht in seinem Blogpost „warum Nürnberg nicht das bessere Berlin ist“, zeigt, was „Auf AEG“ wirklich ist: ein Investitionsprojekt. Solche Projekte müssen sich entwickeln, das dauert fürgewöhnlich zehn Jahre, dann sind die Flächen gewinnbringend vermietet. Schräg gegenüber kann man das am TA-Gelände recht gut studieren. Auf AEG passiert gerade im Kleinen das, was in GoHo im Großen passiert. Was aber ist mit dem nahegelegenen Quelle-Areal? Hier spricht man von Abriss weiter Teile – die schiere Größe lässt eine wirtschaftliche Projektierung selbst mittelfristig nicht zu. Auf Sicht ist das Quelle-Gelände ein Millionengrab. Ich wage ja schon fast zu prophezeien, dass man den Kopfbau und den Turm stehen lässt, der Rest wird abgerissen und dann kommt Wohnungsbau dahin. Und Nürnberg braucht Wohnungen – sonst würde das Ding am Rangierbahnhof nicht so ein großes Projekt. Auch auf Quelle hat Kreativität also nur einen bedingt geschützten Raum. Mir tun die Kreativen GoHos ein wenig leid, denn ich habe das Gefühl, dass sie immer nur „Geduldete“ sind. Und ich kann mir vorstellen, dass das – ganz tief in einem drin – weh tut. Inwieweit dieser „Schmerz“ (gleichsam als Stachel im eigenen Fleisch) der Kunst förderlich ist – oder wegen der fehlenden Freiheit abträglich –, vermag ich nicht zu beurteilen. Auf der anderen Seite wünsche ich mir gerade von diesen Kreativen, die Erkenntnis zuzulassen, dass sie auch nur ein Rädchen in diesem Gentrifizierungsuhrwerk sind, wenn auch das coolste. Und meines Erachtens kann nur Emanzipation die passende Antwort darauf sein. Diese Art der Emanzipation ist mitnichten neu – in den ausgehenden 1970er Jahren fand sie statt – im ehemaligen KOMM, das heute auch nur noch glattgebügelter Kunstbetrieb nach städtisch-sozioaldemokratisch-kulturpolitischem Diktum ist (und wer hats gemacht? Der CSU-SaufkopfMann Ludwig Scholz – ich muss mich gerade zusammennehmen, dass mir nicht gleich ein bisschen Kotze hochkommt). Wenn sich die Kreativen auf AEG und in der Quelle nicht politisch emanzipieren, dann werden sie irgendwann halt nicht mehr geduldet, wenn sie ihre Funktion erfüllt haben. Hey! Kreativszene! Quelle und AEG sind Investitionsdinger mit riesigen Volumina! Glaubt ihr wirklich, ihr habt da auf Dauer Platz?! Glaubt ihr wirklich, ihr habt auf Dauer in GoHo Platz?! Und jetzt kommt’s: Dasselbe ist doch in Berlin genauso passiert! Nürnberg ist hier nicht cooler als Berlin, Nürnberg ist halt nur zwanzig Jahre später dran.

Ich muss jetzt mal einen Exkurs zum Thema Quelle und AEG machen:

Als die AEG noch AEG war, als da noch Spüler und Waschmaschinen vom Band liefen, wurde der Standort Nürnberg – obwohl profitabel arbeitend – vom Electrolux-Konzern aufgegeben. Ich war damals in der IG Metall engagiert und oft beim Streik 2006 mit vor Ort. In der AEG haben damals 1750 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren und mit ihm Existenz, Sicherheit und Zuversicht. Ich habe dort Kollegen gesehen, echte kampferprobte Brocken, zynische Bären, die normalerweise nichts umhaut, leise in sich hineinschluchzend gesehen, ohne Hoffnung.

Schaut doch mal in die Familien rein, in denen bei der Quelle gearbeitet worden ist. Redet mal mit den Leuten, trinkt zwei drei Bier mit ihnen und lasst Euch mal erzählen, was das bedeutet. Für mich ist Quelle und AEG toll und spannend – und zugleich auch ein Friedhof tausender Zukunftspläne, Sicherheitsgefühle, ein Friedhof von Stolz, einem Betrieb angehört zu haben, der etwas galt und nicht zuletzt ein Friedhof etlicher Lebensentwürfe. Und dann schaut doch mal auf die „anderen“ Nürnberger, nicht nur auf die jungen, hippen Akademiker, schaut doch mal auf die Arbeiter und Angestellten, malt Euch doch mal aus, was die mit Quelle und AEG verbinden (und wenn Euch das schwerfällt, dann fragt sie doch einfach). Ich bin mir sicher, dass der ein oder andere, der heute GoHo und insbesondere die Fürther Straße feiert, erschrickt, wenn er ein Gefühl dafür bekommt, was anderen in der Fürther Straße passiert ist.

Und damit habe ich schon fast den zweiten Punkt des BR-Posts abgearbeitet: Der kreative Leerstand ist das eine, der Leerstand in den Herzen derer, die mal bei der Quelle, bei der AEG – aber auch bei Grundig, Cebal oder Triumpf gearbeitet haben, wen interessiert der? Und auch wenn das BR-Post das verneint: Auch in Berlin war da Leerstand: Bergmann-Borsig, am Oberbaum, Adlershof,… um nur einigen Leerstand zu nennen. Ihr seht, es wiederholt sich da was, nur im Kleinen, nur Jahre später.

Zu Punkt drei – ich mache es ganz kurz: Der Franke ist bescheiden, aber was die fränkische Küche an Ideenreichtum und Vielfalt zu bieten hat, was in Franken kulinarisch hergestellt wird, steht ohne jeden Zweifel an der Spitze der Bundesrepublik Deutschland: Kein altbayerischer Einheitsbrei und kein Münchener Pissbier ist in der Lage, nur dem Schatten einer fränkischen Spezialität das Wasser zu reichen. Keine norddeutsche Langeweile, keine westdeutsche Kartoffelpampfevariation tastet sich nur in die Nähe fränkischen Essens, keine schwäbische Maultasche, keine hessische grüne Soße kann das, und kein Presskopf dieser Welt kommt vor unserem roten und weißen Pressack. Keine noch so gute Münsterländer Brühwurst nimmt es mit einer durchschnittlichen fränkischen Stadtwurst auf. Sorry, Deutschland, sorry, ihr molekularen Spitzenköche aus aller Herren Länder, sorry, ihr Franzosen mit Euren Fröschen, Muscheln und Schnecken – an Franken kommt ihr nicht vorbei, was auch immer ihr zu unternehmen versucht.

Womit ich schon bei Punkt vier bin, der weit weniger rühmlich ausfällt: Der Glubb ist Kult, denn ein positiveres Attribut will mir beim besten Willen für dieses seit Jahren mal in der ersten, mal in der zweiten Bundesliga fortdauernde Fiasko nicht einfallen. Der Glubb hat sehr leidensfähige Fans – das zeichnet die Franken aus: Treue, Solidarität und Verbundenheit, einen langen Atem. Das macht die fußballerische Minderleistung, die einem da Spieltag um Spieltag geboten wird, freilich nicht besser. Nichtsdestotrotz: Wir lieben unseren Glubb. Warum, das kann kaum einer für Außenstehende nachvollziehbar sagen. Ich auch nicht. Was hat der Glubb mit Berlin zu tun? Nichts.

Punkt fünf allerdings bereitet mir Stirnrunzeln. Ich erkenne die „Alles-woschd-Mentalität“ eigentlich nur aus den Schriften eines gewissen Klaus Schamberger. Der Franke spricht vielleicht nicht wie ein offenes Buch – aber er hat ein offenes Herz. Und was dieses fränkische Herz erreicht, das ist ihm alles andere als „woschd“. Um das mal wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen: Nürnberger Politik verhält sich im Rahmen dessen, wie sich Politik in einer 500k-Einwohner-Kommune verhalten kann, die vom Strukturwandel arg gebeutelt wurde. Nürnberg ist in seiner Entwicklung gehemmt, weil alleweil Ressourcen nach München abfließen (daran ändern auch so Feigenblattaktionen wie unser neues „Heimatschutzministerium“ in den Räumen der alten Raiffeisenkasse nichts). Großprojekte lassen sich in Nürnberg nicht nur in Anbetracht des recht leeren Stadtsäckels schwer realisieren – wer hier ein großes Projekt anfängt, muss bei seinem Vorgehen hinsichtlich von Größe und Symbolik mit sehr viel Fingerspitzengefühl vorgehen, um nicht Gefahr zu laufen, ungewollte Anleihen an die gigantomanischen Bauten der Nazis auf dem Reichsparteitagsgelände zu nehmen. All das sind Herausforderungen, die ein beliebig leichtfüßiges Planen erschweren. Veränderung in Nürnberg ist schwierig oder teuer (oder schwierig und teuer). Das hat aus meiner Sicht aber mit fränkischer Schwerfälligkeit nichts zu tun (na gut, eine Ausnahme mag ich gelten lassen: die Altstadtfreunde). Die Kritik Dirks kann ich nachfühlen, allerdings sehe ich nur wenige bürgerliche Werte gestützt – noch nicht mal kleinbürgerliche. Für vieles, was an Entwicklung und Gestaltung gewünscht wird, ist Nürnberg auch einfach zu klein oder schon entsprechend (wenn auch nicht gefällig) versorgt. Was brauchen wir denn bitte für einen Konzertsaal auf dem Augustinerhofgelände? Wir haben eine Meistersingerhalle mit besonderer Architektur und herausragender Akustik! Man müsste sich nur trauen, diese Halle gegen den momentanen Zeitgeist aufzuwerten und dringliche, lange verschleppte Investitionen tätigen (vgl. hier). Ja, ich denke, dass Nürnberg alles hat, was es braucht. Was nicht da ist, lässt sich aus eigener Kraft bewerkstelligen. Nürnberg wäre mit einem hypehaften Hinterhereifern auch nicht gut beraten.

Soweit zum Post von BR-Puls, der weniger Substanz enthält, als er vermuten lässt, und dennoch betrachtenswert ist.

Aber: Nürnberg hat ganz andere Potentiale als Dachbodenkonzerte oder Quelle-Kunsthandwerkern im Etsy-Style.

Nürnbergs Künstler leben und arbeiten nicht nur in GoHo und auf Quelle sondern eben auch an der Münchener Straße, in Maxfeld und am Nordostbahnhof. Das soll über Künstler und Kunsthandwerker aber auch schon genügen.

Über Nürnbergs Start-Up-Sezene kann ich nur wenige Beobachtungen mitteilen – mir scheint, dass man hier sehr solide arbeitet, weil halt hierzulande das venture capital fehlt. Das zwingt zu bodenständiger Arbeit, was gut ist, scheint mir aber auch ein wenig nach angezogener Handbremse auszusehen. Ich will das aber gar nicht schlechtreden, die Bodenständigkeit der Start-Ups passt wirklich gut hierher und es gibt eine noch angenehm überschaubare Zahl Leute, die sprichwörtlich „was mit Medien“ bzw. „was mit Internet“ machen und die sich gut vernetzt.

Nürnbergs Infrastruktur ist im Vergleich noch gut – vor allem aber zuverlässig. Der ÖPNV funktioniert in aller Regel, im Vergleich zu Berlin sind die Mieten (noch) bezahlbar und die Lebenshaltungskosten allgemein im Rahmen. Das Studieren an den Hochschulen ist zwar auch hier kein Zuckerschlecken, dennoch sind sie ausreichend gut ausgestattet. Die Sportstätten sind echt in Ordnung hier, das Sportvereinsleben ist gut organisiert und für städtische Verhältnisse ganz prima. Verglichen mit Berlin ist Nürnberg sauber und ordentlich. Verglichen mit Berlin ist die Lebensqualität in den Stadtteilen hoch, die Kriminalitätsrate gering. Nürnberg ist klein genug, um mit den öffentlichen Nahverkehr oder Fahrrad in akzeptabler Zeit von A nach B zu kommen und Nürnberg ist groß genug, um nichts zu vermissen.

Ich will damit Folgendes ausdrücken: Diese $average city$ versus Berlin-Vergleiche zielen ja nur darauf ab, wo sich gerade die spannendsten Internet- und Medienbuden und Jungdesigner befinden. Medienbuden und Jungdesigner allein bringen aber noch keine Lebensqualität. Berlin ist inzwischen zu teuer, um den Leuten mit viel Kreativität und wenig Geld echte Perspektiven zu geben. Und wenn die von Dirk benannte „Berlinifizierung“ hier in der Fläche Fuß fasst, dann wird genau das in ein paar Jahren in Nürnberg auch passieren. Wer bitte wollte das denn wirklich?

Ein Blick in den Rückspiegel hilft, zu verstehen: Nürnbergs Kreative der 1970er und 1980er Jahre schafften sich im KOMM Werkstätten, mit Piratensendern, dann mit Radio Z Gehör, später kam dann die Medienwerkstatt Franken (und in Fürth point). Stadtteilläden brachten Großes hervor, der Hemdendienst, MuZ… Das alles klappte nur, weil zwei Dinge zusammenkamen: Zum einen ist die Stadt in diese Projekte auch finanziell eingestiegen, ohne reinzureden (Vorreiter, der das als erstes kapierte, war der langjährige Kulturreferent Hermann Glaser) zum anderen hatten die Kreativen zuvorderst andere Ansprüche als finanzielle. Der erste soziokulturelle Kahlschlag kam 1996/1997 mit Ludwig Scholz, und es fällt schwer, sagen zu müssen, dass sich unsere schöne Stadt teilweise immer noch nicht von diesem furchtbaren „Bürgermeister“ erholt hat.

Die soziokulturellen Projekte, die ich meine, drehten sich auch nicht so sehr um sich selbst, um die eigene Zielgruppe, wie das leider heute immer öfter der Fall ist, nein, sie hatten neben den jungen Akademikern auch die Senioren, die Schüler, Arbeiter und Angestellten im Blick. In den Stadtteilläden waren zum Beispiel von Anfang an die Alten mit dabei, denn sie gehörten dazu! Und nun frage ich: Wie viele Alte aus Muggenhof kommen denn in die Quelle und wie viele Angebote für Alte gibt es auf Quelle?

Aus meiner Sicht ändert der „Hipstercharme“, wie Dirk anführt, gar nichts. Der nutzt vielleicht dem Hipster und sonst niemandem. Und solange Kreativprojekte und Soziokultur sich nicht symbiotisch vereinen, sondern nur oberflächliche Style-Bedürfnisse bedienen, bleibt es auch bei der „phlegmatischen `Alles-Woschd´-Mentalität in der Region“, die erst dann aufgebrochen wird, wenn die, die sie beschreien, selber aktiv werden. Die Sozialpädagogen der 68er-Generation erkannten beispielsweise, dass Sozialpädagogik nicht nur Verwahren und Versorgen von Menschen bedeutet, sondern auch empowerment. Die soziokulturellen Projekte der Vergangenheit waren mehrheitlich erst mal sozialpädagogische empowerment-Projekte. Das sie sich dann in teils gänzlich andere Richtungen entwickelten, sei unbenommen. Die Sozialpädagogen der 60er bis 80er haben auch nicht über eine „Woschd-Mentalität“ gejault – sondern einfach losgemacht und neben den soziokulturellen Projekten im Vorbeigehen auch Forschung und Lehre revolutioniert. Sie mussten zudem politisch arbeiten und sie haben gelernt (was viele der Hipster heute nicht können), wie man Mehrheiten organisiert. Einiges der damals geschaffenen Strukturen existieren übrigens noch heute, nicht alles, was der postnazistischen Weltsicht Scholz´ im Wege stand, ließ sich zu Grunde sparen.

Berlin habe ich hier ähnlich erlebt, mit einem Unterschied: Schon die Morbidität West-Berlinz zog internationale Größen an, die entweder in Berlin wirkten oder Berlin zumindest in ihrem Werk ausgiebig rezipierten. Daraus erwuchs Anspruch und Verpflichtung gleichermaßen, einen Anspruch, dem Berlin als Pleite-Stadt längst nicht mehr gerecht werden kann. Und nun entblödet sich Wowereit noch nicht einmal, Tim Renner als Kulturstaatssekretär einzusetzen. Ich wiederhole nochmal (weil es geradezu absurd scheint und die repetitio der Gewahrwerdung dienen möge): Tim Renner. Als Kulturstaatssekretär. Man fasst es nicht. Berlin ist so runter – wenn ich „Kreativer“ wäre, so würde ich genau jetzt die Flucht ergreifen. Wie schlimm es ist, lässt sich daran ablesen, dass der Tagesspiegel diese fulminante Fehlbesetzung nicht nur launig kommentiert, sondern sich Renner, über Berlin sprechend, auch noch mit dem Satz „Ich mag diese latente Selbstüberschätzung“ zitieren lässt. Oh Gott.

Leute, da lob’ ich mir Nürnberg! Hier ist man nicht in der Pflicht, einen Superlativ nach dem anderen herauszudonnern, sich von der breiten Masse zu unterscheiden, indem man jegliche Körperpflege einstellt oder alles als Event organisiert, das um so massenkompatibler wird, je mehr man sich selbst vom Mainstream abzuheben versucht. Leute, die fränkische Bodenständigkeit mag nur der erdrückend finden, der die echte und tiefe Einsamkeit hinter vielerlei „Everybody’s Darling“-Fassaden nicht gespürt hat. Nürnberg bietet – ob mit Quelle oder ohne – Freiraum zu Hauf. Das liegt auch daran, dass es hier nur ganz wenige Hipster gibt und viele klar denkende, geerdete Normalos mit dem Herz am rechten Fleck. Das Einzige, was man hier tun muß ist, diese Freiräume zu finden, urbar zu machen und zu verteidigen. Heute konzentriert sich viel auf Gostenhof und Johannis, morgen auf Maxfeld und Rennweg, vielleicht Schoppershof und übermorgen sind wir schon wieder ganz wo anders. Im Grunde spielt das aber gar keine Rolle, denn Nürnberg ist ja zum Glück klein genug, dass der Weg nicht weit ist.

Für mich persönlich gewinnt Nürnberg daher in diesem absurden „Städte-Schwanzvergleich“.
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* Ich hatte in dieser Zeit auch Gelegenheit, Ost-Berlin und die DDR kennenzulernen. Ich habe daran erschreckend plastische Erinnerungen. Da müsste ich wirklich mal drüber schreiben, aber das bräuchte Zeit… Für hier muss Folgendes genügen: In meiner Erinnerung war West-Berlin dunkel und Ost-Berlin menschenleer. Stimmt natürlich nicht, trotzdem komisch, oder?

N-ERGIE: Massive Preissteigerung bei der Fernwärme (und die Kunden werden noch nicht mal richtig informiert)

60.000 Nürnberger Haushalte heizen mit Fernwärme. Diese Fernwärme muss – egal, ob man möchte oder nicht – vom Versorger N-ERGIE abgenommmen werden, die N-ERGIE ist hier also der Quasi-Monopolist. Und als solcher, das wissen wir seit vergangener Woche – führt sie sich auch auf.

Gerade Mieter sind Fernwärmekunden der N-ERGIE, gerade viele Mieter haben mit steigenden Mieten und Ausgaben rund um den Haushalt zu kämpfen. Nun aber lässt die N-ERGIE über die Presse verlauten, dass sie bereits ab dem 1. Oktober – also ab morgen – die Preise für Fernwärme um knappe 8 Prozent steigern wird. Entziehen kann man sich dem nicht.

Damit kostet die Megawattstunde ab nächsten Monat satte 68,43 Euro. Nun klingt eine Megawattstunde nach enorm viel, für die Fernwärme muss das aber in Relation betrachtet werden – wer zu zweit in ein einer nicht gut gedämmten Altbauwohnung auf 70m² lebt, wird – über das Jahr verteilt – locker diese Megawattstunde im Monat bilanzieren müssen. Damit trifft die Preissteigerung gerade Familien und Bedarfsgemeinschaften empfindlich. Neben der Preissteigerung ärgert mich insbesondere die Arroganz, mit der die N-ERGIE diese vornimmt:

  • Bei Preissteigerungen sollten eigentlich die Kunden der N-ERGIE persönlich angeschrieben werden. Das wäre das absolut Mindeste, was man verlangen und erwarten könnte. Aber bei der N-ERGIE ist bereits das Mindeste zu viel – das Unternehmen verzichtet auf eine saubere Informationspolitik und „informiert“ die Kunden über die Tagespresse – dass ist schlicht eine Schweinerei, denn nicht jeder liest die Regionalzeitung und nicht jeder sieht das Bayerische Fernsehen. Es ist davon auszugehen, dass etliche Kunden von der Preiserhöhung gar nichts mitbekommen haben. Aber für die skandalöse Informationspolitik ist die N-ERGIE ja seit langem bekannt….
  • Zufälligerweise fällt die Preissteigerung gerade mit dem Beginn der Heizsaison zusammen. Das ist richtig ärgerlich.
  • Der Fernwärmepreis errechnet sich nicht an den tatsächlichen Erzeugungskosten sondern an einer irrsinnig komplizierten Berechnung, die im Wesentlichen die Preissteigerungen der Leipziger Energiebörse mitberücksichtigt.

Wie hoch die Preissteigerung in den letzten zwei Jahren tatsächlich ausgefallen ist, errechnete jüngst die Nürnberger Zeitung:

Mit dem aktuellen Sprung auf 68,43 Euro ergibt sich eine Preissteigerung von knapp 39 Prozent innerhalb von gut zwei Jahren. (Quelle)

Die N-ERGIE kann sich solch drastische Preissteigerungen freilich nur erlauben, weil der Kunde quasi keine Möglichkeit hat, den Anbieter zu wechseln. Gerade Menschen mit geringem Einkommen tragen die Belastung, in vielen Mietwohnungen – auch und besonders in denen des sozialen Wohnungsbaus – wird mit Fernwärme geheizt. N-ERGIE und Stadt greifen mit den Preissteigerungen auch tief in die Sozialpolitik der Region ein, indem sie die Energiearmut befeuern. Dies mag manchen übertrieben klingen und Stammleser wissen, dass ich das Argument der Energiearmut im Kontext von Preissteigerungen hier noch nicht angeführt habe, auch wenn es keinesfalls neu ist. Aber angesichts sinkender Reallöhne müssen bei derart exorbitanten Preissteigerungen die sozialpolitischen Auswirkungen mitbetrachtet werden. N-ERGIE und Stadt Nürnberg, die Mehrheitseigner des Energieunternehmens ist, laden mit der Heizkostenexplosion Schuld auf sich.

Nürnberg im O-Ton-Feature: Mit dem Mikrofon durch die Wand (1989)

Zu meinen liebstgehörten Sendungen im öffentlich-rechtlichen Hörfunk gehören Features. Jede der großen Anstalten hat einen entsprechenden Sendeplatz, und so dürfen wir uns in Deutschland über eine Fülle und einen Reichtum höchstwertiger Hörbilder freuen – leider wird diese – ich sage bewusst: Kunstform – oft verkannt.

Im Sommer nutzt der Bayerische Rundfunk mit seinem zweiten Programm den Sendeplatz, um Features vergangener Tage erklingen zu lassen, die sich maßgeblich aus Originaltönen speisen. Sechs Features aus sechzig Jahren Rundfunkgeschichte sind ausgewählt, drei habe ich bereits gehört, alle sind sie hörenswert, eines aber sticht durch seinen regionalen Bezug heraus: Es ist das Tonexperiment „Mit dem Mikrofon durch die Wand“ von Ralf Huwendiek.

1989 nimmt sich der Autor und Regisseur Ralf Huwendiek einen Stadtplan und zieht mit dem Lineal eine Linie von seiner Gostenhofer Wohnung zum Sinwellturm. Was diese Linie kreuzt, will er in guten 50 Minuten hörbar machen. Es klingt so einfach und ist in seiner Umsetzung doch so kompliziert, denn nicht jeder, der von der Linie „gekreuzt“ wird, will etwas sagen oder beitragen.

Huwendieks Feature ist keine Liebeserklärung, das Bild, das er malt, zeigt auch nicht durchgehend düstere Farben, es hinterlässt aber einen etwas faden Geschmack. Und es birgt einige Überraschungen:

Beispielsweise das Feature „Mit dem Mikrofon durch die Wand“ von Ralf Huwendiek. Er trifft auf seiner akustischen Wanderung durch seine Lieblingsstadt Nürnberg auf einen alten SS-Soldaten. Huwendieck begegnet dieser Nazi-Propaganda sehr geschickt, indem er sie anders behandelt als alle anderen O-Töne. Mehr möchte ich nicht verraten… (Quelle: BR)

Für jeden Nürnberger (aber nicht nur für Nürnberger) ein hörenswertes Stück Radio-, Zeit- und Lokalgeschichte. Wie war Nürnberg 1989 – und wie nah ist dieses damalige Nürnberg teilweise heute noch?

Gut, dass es das BR-Feature als Podcast gibt. So lässt es sich noch eine Weile nachhören, bis es (wann auch immer) mal depubliziert wird.

Hier gehts zur Audiodatei „Mit dem Mikrofon durch die Wand“.

Wirtshaus-Explorer: Block House Nürnberg – lieblose Systemgastronomie mit miesen Speisen

Am gestrigen Mittwoch waren wir beim relativ neu eröffneten Block House am Nürnberger Hauptmarkt zum Mittagessen. Das war, mit Verlaub, nicht meine beste Idee, und schlussendlich habe ich den Besuch in diesem Restaurant (Eigenbeschreibung) bereut. Um es zusammenzufassen: Was ich im Block House erleben musste, verdient meiner Meinung nach das Prädikat „kackdreist“, und für die mindere Speisenqualität scheinen mir auch die dort aufgerufenen Preise unangemessen. Aber der Reihe nach.

Block House ist eine Franchise-Kette, auf den Webseiten der BlockGruppe wird auch ganz offen von Systemgastronomie gesprochen. Ich hätte also ahnen können, was mich erwartet, aber ich habe es nicht geahnt.

Wir kamen am Mittag kurz vor zwölf – also zur besten Mittagessenszeit – im Restaurant am Hauptmarkt an und nahmen vor dem Haus Platz. Man sitzt recht schön am Hauptmarkt, die Stühle sind bedquem und große Sonnenschirme spenden Schatten. Recht schnell kam die Bedienung, deren Service sich weniger durch Diskretion, sondern mehr durch eine etwas überzogene, fast schrille – wie einstudierte – Höflichkeit auszeichnete. Wir bestellten Getränke und bekamen die Karte gereicht – aber nur die Hauptkarte, die Mittagskarte fehlte. Nun gut, man könnte meinen, dass dieses „Vergessen“ der Mittagskarte ein einmaliger Lapsus der Kellnerin sei – doch weit gefehlt! Während unseres Aufenthaltes im Nürnberger Block House mussten wir beobachten, dass keinem Gast von selbst die Mittagskarte gebracht wurde. Wer nach der Karte fragte, bekam sie aus dem Restaurant gebracht, wer nicht danach fragte oder von der Existenz nichts wusste, der hatte eben Pech. Dieses Verhalten hätte mir Warnung genug sein müssen – aber wir haben von der Mittagskarte bestellt. Auf dieser „Lunch Time“-Karte wurden unter der Rubrik „Wochengerichte“ sowohl „Drei kleine Rindersteaks – saftig gegrillt mit knackigem Pfannengemüse und einer Baked Potato mit Sourcream“ als auch „Block Burger mit feinwürzigem Blattspinat und Kartoffel-Selleriepüree“ zu je 9 Euro angeboten. Nun, 9 Euro sind für ein Gericht von der Mittagskarte in meinen Augen schon ein ordentlicher Preis, aber es ist ein Steakhouse, und als Nürnberger hat man sich an solche Preise in der Innenstadt ja fast gewöhnt. Also haben wir die beiden Wochengerichte bestellt.

Zu jedem der Gerichte wurde ein kleiner Salatteller gereicht, der Salat war frisch, das Dressing zwar fertig, aber durchaus schmackhaft. An Salat stelle ich persönlich keine so hohen Ansprüche, der ist nur nettes Beiwerk, und da bin ich auch nicht übermäßig kritisch. Dass dieser einfache Salat das Beste sein sollte, was wir im Block House gegessen haben, hätte ich aber wirklich nicht gedacht.

Die drei kleinen Rindersteaks waren vor allem eines: klein. Wäre ich böse, so würde ich das als Fleischabschnitte bezeichnen (und hätte ich zu Hause ein Steak zubereitet, hätte ich Abschnitte dieser Größe dem Kater Ludwig verfüttert), aber ich bin nicht böse – belassen wir es also bei drei sehr kleinen Steaks. Zumindest haben sie in der Karte nicht gelogen – klein waren die Rindersteaks, wie gesagt, in der Tat. Die Ofenkartoffel war auch zu trocken, das fiel aber nicht so sehr ins Gewicht, weil die Kellnerin vorsorglich noch Sourcream nachgereicht hat und man der trockenen Kartoffel so wenigstens mit reichlich Soße beikam. Das Pfannengemüse war so weit ok, wenn man darüber hinwegsehen kann, dass es mehrheitlich aus Zwiebeln bestand. Wir konnten darüber hinwegsehen. Zu den Steaks muss noch gesagt werden, dass freilich gefragt wurde, wie diese gebraten werden. Der Wunsch: Medium-Rare. Das Ergebnis: Die Steaks wurden medium-Rare gebraten, weil sie aber so klitzeklein waren, kamen sie bereits völlig erkaltet auf den Tisch. Neun Euro.

Ich hatte ja, ihr erinnert Euch, noch den „Block Burger“. Den orderte ich nicht mit dem Kartoffelbrei – mir wurden Pommes angeboten. Dazu also der Burger und Blattspinat.

Vorweg allerdings eine Frage: Wie stellt Ihr Euch einen Burger vor?

Die Wikipedia definiert einen Burger wir folgt:

Ein Hamburger (auch kurz Burger) ist ein Weichbrötchen mit verschiedenen Belägen, das meistens als warmes Schnell- oder Fertiggericht verkauft wird. Hamburger werden hauptsächlich mit dem sogenannten patty, einer gegrillten Scheibe aus Rinderhackfleisch (einer Art Hacksteak) belegt und bilden den Standardartikel vieler Fast-Food-Ketten. (Quelle: Wikipedia)

Weichbrötchen mit verschiedenen Belägen und einem „patty“, das war bislang auch meine Vorstellung von einem Burger – und ich habe auch nie einen Burger bekommen, der diesem Minimalstandard nicht genügte –, bis ich bei Block House „gegessen“ hatte. Nun, ich lasse an dieser Stelle einfach mal ein Bild sprechen (dass es etwas gelbstichig ist, liegt am gelben Sonnenschirm, unter dem wir saßen, nichts desto trotz lässt sich gut erkennen, was sich das Block House erdreistete, mir um neun Euro auf den Teller zu legen):

block-house-burger

Was sehen wir? Wir sehen einen Haufen TK-Pommes, einen Klacks Spinat (dazu später ein paar Worte) und das, was man bei Block House unter einem „Burger“ versteht. Burger (s.o.) waren für mich immer das ganze Ding, bei Block House wird nur das „patty“ geliefert.

Ich konnte es zuerst nicht fassen. Bei meinem Burger fehlten der Salat, die Tomatenscheibe, das Brötchen. Vor mir lagen TK-Pommes, der Spinat und ein Burgerpatty „ohne alles“. Ganz klar: Hier kann es sich nur um einen Fehler des Kochs handeln. Ich rief die Bedienung herbei und fragte höflich nach, wo denn der Rest meines Burgers sei. Nun musste ich mir sagen lassen, dass es da keinen Rest gibt. Der Burgerpatty, der da recht nackt auf dem Teller vor mir lag, ist nach Definition des Block Houses – so wurde mir von der Kellnerin bestätigt – der komplette Burger. Ich war fassungslos. So etwas ist mir noch nie passiert. Wirklich noch nie im Leben! Das äußerte ich auch. Nun dozierte die Kellnerin etwas über die Geschichte des Burgers und dass der ursprüngliche Burger eben nur aus dem Hackfleischpatty bestand. Sie sagte, es tue ihr leid, und bedeutete mir, das so hinzunehmen. Ich sagte ihr, dass es mir mindestens genauso leid tut, so einen Burger essen zu müssen. Dies – wen nimmt es Wunder – überhörte sie geflissentlich und verschwand.

Wir schreiben das Jahr 2013 und befinden uns in Nürnberg, gelegen im südlichen Teil der Bundesrepublik Deutschland. Ob in der Kupfersteinzeit oder zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs jemand mal den Burger ohne Brötchen und Salatblatt gegessen hat, interessiert mich nicht einmal am Rande. Wenn ich heute in ein Autohaus gehe und ein Auto bestelle, so wird mir ein komplettes Auto geliefert – mit vier Rädern, Motor, Getriebe, Fahrgastzelle, Radio und Rückspiegel. Man stelle sich vor, ich bestellte mir in der Mercedes-Niederlassung ein Auto und der Händler lieferte mir das Fahrgestell mit vier Rädern, einen Motor und sonst nix. Und man stelle sich vor, der Händler würde, gefragt nach dem Rest des Autos, zu schwafeln beginnen, dass man sich als autorisierter Mercedes-Händler selbstverständlich nicht mit nicht dem Standard entsprechend mit Fahrgastzelle, Rückspiegel und Radio liefert, sondern in der Tradition von Carl Benz stehend, so, wie man das für richtig halte. Denn schließlich hatte der Motorwagen von 1886 ja auch weder Fahrgastzelle, Rückspiegel noch Radio, wer wollte denn 2013 schon ein komplettes Auto? Pah. Man stelle sich das einmal vor…

Nun saß ich da vor meinem „Burger“. Nun gut, ich bin ja lernfähig und kann mich auf Neues einlassen. Ich probiere also den „Block Burger“. Ein Patty, das nach erschreckend wenig schmeckt. Dreimal biss ich auf Knorpel. Zur Enttäuschung gesellte sich schließlich Ekel. Die TK-Pommes waren so weit in Ordnung, nicht der Rede wert, der Spinat war zäh und lauwarm, nicht der Rede wert. Mein persönliches Fazit: Eine Speise, die bei mir Enttäuschung und Ekel hervorruft (Knorpel im Fleisch kann ich wirklich nicht leiden, da ist es vorbei!). Neun Euro.

Der Besuch beim Nürnberger Block House war für uns ein Fiasko, und ich darf mit Fug und Recht sagen, dass ich in diesem Jahr noch nirgends so schlecht gegessen habe, wie im Nürnberger Block House. Ich will aber auch nicht verschweigen, dass die Interpretation des Burgers im Ausland wohl nicht gänzlich ungewöhnlich zu sein scheint. Ich ziehe hierfür wieder die Wikipedia zu Rate:

In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden beide Begriffe auf Hamburger oder nur Burger verkürzt. Während das englische Wort „hamburger“ auch für die verwendete Hackfleischsorte (mageres Rinderhack) oder für das nackte Fleischgebilde ohne Brötchen und weitere Zutaten stehen kann, ist im Deutschen immer der ganze Imbiss aus Fleisch und Brötchen gemeint. (Quelle: Wikipedia)

Ein Lapsus, ein interkulturelles Missverständnis zwischen Gewohnheiten in Deutschland und den USA? Mitnichten. Wer die Webseite der Fa. Block House Restaurantbetriebe AG aufmerksam studiert, erfährt, dass im Jahre 1968 in der Hamburger Dorotheenstraße das erste Block-House-Restaurant von einem Herren namens Eugen Block eröffnet wurde. Ich muss an dieser Stelle einfach feststellen, dass Hamburg nicht New York ist und man seit dem Jahre 1968 in Deutschland tätig ist. Ich darf daher unterstellen, dass man nach etwa 45 Jahren Geschäftstätigkeit in der Bundesrepublik mit den hiesigen Gepflogenheiten vertraut ist.

Was ich im Block House erlebt habe, lässt sich einfach fassen: Ich sehe das Block House Nürnberg als ein lieblos geführtes Restaurant, in dem Speisen gereicht werden, die meinen Qualitätsansprüchen nicht im Ansatz genügen (und ich bin nun kein „Gourmet“ – ich bin mit einem einfachen, anständigen Essen sehr zufrieden). Die Preise hierfür empfinde ich als unangemessen hoch. Ich kann daher das Nürnberger Block House ausdrücklich nicht empfehlen.

Sommerbaustellen der VAG 2013

Wer trotz der Ferienzeit mit der VAG in die Arbeit will, der muss unter Umständen ordentlich Geduld und eine gewisse Frustrationstoleranz mitbringen. In diesem Jahr gibt es nämlich eine ganze Menge Sommerbaustellen.

Prinzipiell ist die Idee ganz gut: In der Zeit mit dem geringsten Verkehrsaufkommen – der Sommerferienzeit – geht die VAG wichtige Bau- und Sanierungsvorhaben an, was freilich nicht immer ohne Beeinträchtigungen laufen kann. Über die Informationspolitik der VAG lässt sich streiten und wer trotz Urlaubszeit mit den „Öffis“ zur Arbeit muss braucht Geduld und muss früher aufstehen.

Diese Zusammenstellung schreibe ich auch und besonders, weil ich mit der Informationspolitik der VAG nicht zufrieden bin. Ein Aushang an den betreffenden Haltestellen einen Monat vorher hätte sicher nicht geschadet. Aber auch den genauen Standort der Bedarfshaltestelle in Schoppershof konnte man mir gestern (!) bei der VAG auf telefonische Rückfrage nicht mitteilen.

Zwei ungünstige Faktoren fallen in diesem Sommer zusammen: Zum einen gibt es überraschend viele Baustellen und zum anderen ist die Hauptschlagader des Nürnberger Nahverkehrs, die U-Bahn, auf den Linien 1 und 2 betroffen.

Richtig heftig erwischt es all jene, die am Hasenbuck und der Frankenstraße die U-Bahn nehmen wollen, denn der Bahnhof Hasenbuck ist von heute bis zum 11. September komplett gesperrt. Der Ersatzbus E1 fährt von der Frankenstraße zum Hasenbuck im 12-Minuten-Takt. Infos zur Sperrung stellt die VAG in einem pdf zur Verfügung. Der Umbau am Hasenbuck trifft aber auch alle, die auf der U1 in Richtung Langwasser unterwegs sind – man kann nicht einfach von Fürth kommend (und retoure) durchfahren, sondern muss an der Frankenstraße das Gleis wechseln. Das hat freilich auch Einfluss auf den Takt.

Zwischen Scharfreiterring und Messe werden ab heute für einen Monat ab 21 Uhr Kabel erneuert, was zu eingleisigem Betrieb führt.

Eine ähnliche Situation gibt es im Nürnberger Norden auf der Linie U2: Von heute bis zum 18. August ist der U-Bahnhof Schoppershof gesperrt und wird nur eingleisig durchfahren. Auch hier gibt es einen Busersatzverkehr mit der Linienbezeichnung E2, hier wird Schoppershof an den Nordostbahnhof im 10-Minuten-Takt angebunden. Auch der Takt von U2 und U3 ist wegen des eingleisigen Betriebs in Mitleidenschaft gezogen. Diese Art der Streckenführung habe ich heute mal ausprobiert, es klappt nicht ganz reibungslos – wer in Richtung Röthenbach unterwegs ist, kann bei der Überbrückung der Haltestelle wegen suboptimal ineinandergreifende und ausgedünnter Takte und der Fahrzeit des Busses (allein auf der Äußeren Bayreuther Str. viel Verkehr und drei Ampeln) bis zu 20 Minuten verlieren. Die VAG informiert auch hier mit einem pdf.

Und dann ist da noch die Straßenbahnlinie 4 – sie fährt von Thon bis zum Plärrer, wird vom Plärrer bis Gibitzenhof dann aber durch den Bus E4 ersetzt.  Kanal- und Gleisarbeiten sind der Grund. Die Bauarbeiten beginnen heute und sollen bis zum 11. September fortdauern. Umgestiegen werden muss jeweils nur einmal am Plärrer. Fahrpläne und Infos – im pdf der VAG.

Schon fast komplex wird es zwischen Schnigling und Fürth rund um die Haltestelle Kurgartenstraße und Herderstraße. Hier wird die den Frankenschnellweg überspannende Kurgartenbrücke komplett überholt, mit der Konsequenz, dass sie von heute bis zum 11. September voll gesperrt ist (außer für Fußgänger). Weite Umleitungen und Fußwege sind in Kauf zu nehmen, die Haltestellen Herderstr. und Hans-Böckler-Str. werden gar nicht bedient. Info? Pdf.

Weitere Baustellen und Einschränkungen auf Buslinien und der Straßenbahnlinie 6 findet man auf der Webseite der VAG.

Nun, das alles ist nicht angenehm und leider auch nicht vermeidbar – man kann nur versuchen, dafür Sorge zu tragen, dass die Umleitungen so reibungslos wie möglich verlaufen. Der VAG sei hier ins Stammbuch geschrieben, dass ihnen wirklich kein Zacken aus der Krone gebrochen wäre, wenn man die Kundschaft ein bis zwei Monate vorher gewarnt hätte (und nicht zwei Wochen vorher).

Der große Abriss?

Mit seinem Blogpost „Nürnberg und die Industriekultur“ vorgestern spricht mir Dirk Murschall zutiefst aus der Seele. Freilich hätte ich meine Gedanken zu seinem Post als Kommentar im immer empfehlenswerten Blog Sugar Ray Banister hinterlassen können – aber ich will das Thema hier aufgreifen – in der Hoffnung, dass es die Diskussion weiter beflügelt, wenn die auch blogübergreifend geführt wird.

Zuvorderst: Kritik an den Altstadtfreunden wird in unserer Stadt unverhältnismäßig stark geahndet. Als Wahlfranke bin ich immer wieder erstaunt, welche Lobby dieser Verein aufzubauen verstand und wie rigoros mit Kritik an seinen Aktionen über Gremien- und Parteigrenzen hinweg umgegangen wird. Das soll die Verdienste der Altstadtfreunde nicht schmälern, mir scheinen diese Verdienste aber in anderem Licht, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, was alles auf deren Betreiben verhindert wurde.

Die Altstadtfreunde kümmern sich z.B. herzallerliebst um den Wiederaufbau und den Erhalt des historischen Stadtkerns der Nürnberger Altstadt und verteidigen ihn auch vehement gegen Modernisierungen wie z.B. den Umbau des Augustinerhofs durch Helmut Jahn. (Quelle)

Es ist mir kein treffenderer und glanzvollerer Euphemismus zu dieser Causa bekannt, danke Herr Murschall!

Nun aber zum eigentlichen Gegenstand – unserem Umgang mit jüngerer Architektur in Broudwoschdd-City. Es sind nicht allein die Abbrüche zu beklagen, die bereits geschehen sind – es ist zu warnen und aus diesen Fehlern zu lernen! Ein Objekt kann immer dann erhalten werden, wenn die Erkenntnis, dass es erhalten werden kann und muss, auf den Willen zum Erhalt und der kreativen Umwidmung um willen einer Weiternutzung trifft. Auch in Nürnberg lassen sich Beispiele finden, darauf gehe ich später ein.

Manchmal klappt es prima, manchmal drängt sich die Idee zur Weiternutzung förmlich auf. Und manchmal muss man sie suchen (und zum Finden bedarf es einer gewissen Kreativität). Die Kreativität vermisse ich im Nürnberger Stadtbild aber schon lange. Den „südpunkt“ finde ich ähnlich langweilig wie den U-Bahnhof Friedrich-Ebert-Platz. Noch mehr aber fehlt die Kreativität bei der Umnutzung. Wo interessante Konzepte entstehen, fehlt die Risikobereitschaft. Welch interessante Konzepte hat es für das Volksbad gegeben und was ist davon geblieben? Freilich muss man manchmal einfach auch das Portemonnaie aufmachen – das Volksbad hat über Jahrzehnte entweder Geld erwirtschaftet oder die Stadtkasse indirekt entlastet, nun muss nach 100 Jahren mal wieder richtig Geld in die Hand genommen werden. Und – auch wenn ihr mich dafür haut – es ist mir lieber, wenn sie wieder Technopartys im Volksbad machen, als wenn es still vor sich hingammelt. Die Technopartys haben dem Volksbad nämlich weit weniger Schaden zufügen können als die abwartende Haltung der Stadtoberen.

Und nun komme ich zum allüblichem Ceterum censeo, das die geneigte Stammleserschaft hier bereits kennt: Unsere Kinder (und unsere Nachfahren generell) werden uns für unseren respektlosen Umgang gerade mit der Architektur des 20. Jahrhunderts einestages verfluchen.

Wir opfern zuerst unsere geschichtsträchtigen Industriebaute dem Zeitgeist, der fehlenden Kreativität und dem vermeintlich leeren Stadtsäckel (für eine automatisch betriebene U3 hats ja auch gereicht). Bauten, die erhalten werden, fallen nicht selten einer unsensiblen Sanierung anheim. Inzwischen sind nicht nur Industriedenkmäler in Gefahr – bei den Diskussionen um einen neuen Konzertsaal für Nürnberg mache ich mir auch ernsthaft über die Meistersingerhalle Sorgen. Ich bin überzeugt: Hätten wir den neuen Konzertsaal bereits, so wäre die Meistersingerhalle wahrscheinlich schon den Weg alles Irdischen gegangen.

Als Erstes fallen freilich Industriebauten der Abrissbirne zum Opfer. Dann aber auch Bauten wie das Fürther Parkhotel. Auf der andere Seite der Stadtgrenze schreibt Bloggerkollege Ralph Stenzel sehr treffend: „Abriß verpflichtet – Vom Krieg verschont, vom Stadtrat nicht“ – ich bin zu jung und zu weit weg von Fürth aufgewachsen, um dieser traurigen Bilanz eigene Erinnerungen entgegensetzen zu können und dennoch formiert sich vor dem inneren Auge ein verschwommenes Bild, um wie viel schöner gerade die Fürther Innenstadt heute aussehen hätte können.

Nach nicht einmal dreißig Jahren ist das Fürther City Center mausetot. Wer sich heute durch die Seiten des Fürth-Wiki klickt, erfährt nicht nur um den problematischen Start des Projekts sondern auch um den Niedergang industriekulturell wertvoller Bauten en groß. Ob eine Reaktivierung des Centers gelingt, ist nicht sicher. Interessant auch, dass der einzig Aufrechte, der sich seinerzeit gegen das City Center stellte, Kommunist war.

Ich bleibe in Fürth: Ein Beispiel, wie sich vermeintlich obsolete Bauten sinnvoll und wirtschaftlich nutzen lassen, gibt das Ottoschulhaus. Nach dem Umzug der Realschule wurde das Schulgebäude saniert und neben schicken wie teuren Eigentumswohnungen entstand hier das großzügig angelegte und sehr sehenswerte Stadtmuseum. Ein anderes gefällig? Das Berolzheimerianum. „Schon wieder Kultur, soviel Kultur haben wir nicht wie Raum“, mögen nun Kritiker sagen – aber Sanierung und Betrieb des Berolzheimerianums geschahen und geschehen privatwirtschaftlich.

Dem Niedergang der Industrie im Nürnberger Klingenhof trotzt die Nutzng der Gebäude. Im „Ofenwerk“ sind heute Handwerksbetriebe und Werkstätten untergebracht, in der „Resi“ ist zum einen die Großraumdisko Rockfabrik und das Seminarzentrum der GRUNDIG AKADEMIE untergekommen, die alte Fensterfabrik Schlee ist nun ein Motor-Museum.

Ob in Nürnberg oder Fürth – wir betreiben Raubbau an unserer eigenen Geschichte. Und das ohne Not. Freilich ist der Erhalt des Quelle-Areals eine Herausforderung, aber der Erhalt von AEG war es auch (und er ist gelungen).
Es braucht nur mutige und weitsichtige Stadtväter. Was wäre Fürth heute, wenn man auf Walter Riedel gehört hätte? Was wäre der Augustinerhof heute, wenn nicht die Kniedlasköpf vom Altstadtverein alles verhindert hätten? Es ist diese Mischung aus Angst vor Neuem und Mutlosigkeit, Altes zu bewahren, es ist die Angst, mutig eigene Konzepte voranzutreiben und sich gegen den Zeitgeist zu stellen, Denkmalschutz aktiv voranzutreiben und auch mal einen Investor wieder vor die Tür zu setzen. Es ist der vermeintliche Populismus, der uns dieser Tage so viel städtische Identität kostet.

Streckt der SÖR die Waffen vor 5cm Neuschnee?

Ein Rant auf den SÖR? Wie originell. Das weiß ich selber, aber der Zorn muss raus. Und warum sollte so ein Blog nicht auch einmal der Seelenhygiene dienen.

Irgendwie rante ich jedes Jahr, hier habe es es mal mit einem Interview versucht, hier war ich gefrustet.

Der heutige Wintereinbruch kam nun wirklich nicht überraschend. Am Montagabend fiel im Nürnberger Norden der erste leichte Eisregen, am Mittwochabend begann es schon ein wenig zu schneien, und auch der Wetterbericht von BR, NN und Wetterochs wusste von 5–10 cm Neuschnee zu künden. Wir dürfen also nicht überrascht tun, auch der SÖR nicht. Was wir dafür heute früh auf den Straßen erleben mussten, war schlicht unmöglich. Um 8.30 Uhr war weder die Welserstraße noch die Äußere Bayreuther Straße geräumt oder gestreut. Die Oedenberger Str. und der Nordostbahnhof – eine Eisplatte.

Das inzwischen das Geld fehlt, während einer Winterperiode Nebenstraßen auch nur ein einziges Mal zu räumen, daran haben wir uns über die Jahre gewöhnt – in Johannis gleichermaßen wie in Schoppershof, Ziegelstein oder Rennweg. Das mittelgroße Straßen wie die Bessemerstraße oder am Klingenhof nicht mehr geräumt werden – wir sind ja leider bereits darauf eingestellt. Nun aber muss ich feststellen, dass selbst die Nürnberger Hauptverkehrsstraßen nicht mehr geräumt werden.

Heute Morgen habe ich Radio Energy Nürnberg gehört – dort Warnungen vor Glätte überall. Überall? Nein, ein kleines gallisches Dorf namens Fürth hat schneefreie Straßen.

Warum kriegt es der SÖR inzwischen nicht mal mehr gebacken, die Nürnberger Hauptverkehrsstraßen bis um halb Neun zu räumen? Gut, Nürnberg hat – Delfinlagune, fahrerloser U-Bahn und einigem anderen Blödsinn mehr – über eine Milliarde Euro Schulden (Pro-Kopf-Verschuldung aus 2009 zum Vergleich – interessante Grafik, die ebenfalls Bände spricht), aber steuern wir nun wirklich auf britische Verhältnisse zu?

So geht es jedenfalls nicht weiter: Sanker, die sich vor dem Theresienkrankenhaus nicht gebremst kriegen, Auffahrunfälle, Schneckentempo auf den Hauptstraßen. 5cm Neuschnee und eine Stadt kriecht. Das kann doch nicht sein.

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