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Test: Raddy RF757 – Ein Kurzwellenradio mit schier unendlichen Features

Was? Schon wieder eine Rezension über ein Raddy-Radio? Ja, denn der Hersteller Raddy, das ist die Radiosparte des Funktechnikherstellers Radioddity, liefert für knapp unter 100,- Euro ein kompaktes Gerät, das mit wahnsinnig vielen Features ausgestattet ist.
In Deutschland ist das Gerät seit Mai 2024 in verschiedenen Shops verfügbar, es lohnt sich also, einen genaueren Blick auf diesen interessanten, brandneuen Weltempfänger zu werfen.Raddy RF757

Und um das dem Test voranzustellen – es gab zwei für mich sehr interessante Features, die mich bewogen, dieses Gerät zu besorgen und darüber zu schreiben: Zuerst einmal ist das RF757 mein erstes per App steuerbares Gerät; ich bin einfach ein neugieriger Mensch und möchte herausfinden, ob die App-Steuerung einen echten Mehrwert für mich bringt. Und zum anderen interessiert mich die Aufnahmefunktion. Meine anderen Kurzwellenradios verfügen leider nicht über eine solche, um ehrlich zu sein werde ich sie wohl auch nicht oft benötigen, aber gelegentlich hätte ich es schon interessant gefunden, einfach auf “Record” zu drücken und das ein- oder andere Empfangserlebnis aufgezeichnet zu haben. Diese Lücke soll dieses kompakte Radio nun also schließen.

Kommen wir aber zuerst einmal zu den wichtigsten technischen Daten. Folgende Frequenzbereiche werden empfangen:

UKW: 87.5-108 MHz sowie 64.0-108 MHz, mono und stereo
VHF/UHF: 25.0-999.0 MHz, FM
MW: 520-1710 kHz sowie 522-1710 kHz im 9 kHz / 10 kHz
KW: 3.2-30.0 MHz, AM, Raster 0.005MHZ
AIR-Band: 118.0-138.0 MHz, AM
Weather Band: 162.400-162.550 MHz, FM (hat hierzulande keine Relevanz)

Mit einem Gesamtgewicht von etwa 250 Gramm inkl. Akku ist das Radio relativ leicht. Es verfügt über einen 3,7 Volt Standardakku (Rundzelle) mit 2500 mAh Kapazität, der problemlos getauscht werden kann. Das schätze ich sehr, denn wer seine Radios oft und gerne verwendet, wird früher oder später mit einem Kapazitätsverlust des Akkus konfrontiert sein. Hier schnell und günstig standardisierten Ersatz beschaffen zu können, ist ein echtes Feature (und sollte, Stichwort “geplante Obsoleszenz”, eigentlich selbstverständlich sein – ist es aber leider nicht!).
Geladen wird das Radio per USB-C, das empfinde ich ebenfalls als einen Vorteil. Allerdings (wie so oft bei Geräten chinesischer Provenienz) ist die USB-C-Buchse nicht ganz standardgerecht ausgeführt – das Gerät akzeptiert nur einen Ladestrom von 1 A (werden potentere Ladegeräte angeschlossen, lässt sich der Akku nicht aufladen; ich finde, das sollte man wissen, um nicht einfach mit seinem aktuellen Handylader in den Urlaub zu fahren und dann das Radio nicht laden zu können).

Zu den Funktionen, die man bei so einem Gerät immer häufiger antrifft, gehört, dass das Radio auch als Bluetooth-Lautsprecher verwendet werden kann (alle drei Raddy-Geräte in meinem Besitz haben diese Funktion) und sich zudem Musik von der micro-SD-Karte wiedergeben lässt. Das RF757 mountet Karten mit einer Speichergröße von bis zu 256 GB und gibt die Formate MP3, WMA, WAV, APE sowie FLAC wieder. Neben diesen Features verfügt das Radio weiterhin über eine recht helle und damit annehmbare Taschenlampe und eine recht laute Notfallsirene (die man vermittels Schiebeschalter der Taschenlampe aktiviert und die man daher auch versehentlich mal aktiviert).

Ein kurzer Blick auf den Lieferumfang: Neben dem Radio, dem Akku und der Bedienungsanleitung findet sich ein mehr oder weniger brauchbarer Stereo-Ohrhörer, eine Handschlaufe und eine Drahtantenne für Kurzwelle und das USB-C-Ladekabel (nicht aber der Netzadapter) in der Schachtel.

Zur App-Steuerung: Das Gerät arbeitet mit einer App namens “Android-c”, die im Wesentlichen das Display und die Bedienelemente des Radios auf dem Handybildschirm abbildet. Sie ist im engeren Sinne also nichts anderes, als eine Fernbedienung für das Radio. Und als solche ist sie weitestgehend entbehrlich. Ich hätte erwartet, dass man per App Frequenzen programmieren, Timer setzen und ähnliche Funktionen mit dem Komfort eines Smartphones bedienen kann, das ist jedoch leider nicht der Fall. Ein Screenshot der "Radio-c"-App unter AndroidAktiviert man beim RF747 die Bluetooth-Funktion, so bekommt man am Handy zwei Bluetooth-Geräte angezeigt – eines ist die Verbindung zur Ansteuerung des Radios, die andere Bluetooth-Verbindung verhält sich wie ein Headset, man kann das Radio also als Freisprecheinrichtung verwenden und Musik über den Lautsprecher wiedergeben lassen. Diese Trennung ist eigentlich ganz schlüssig, gerade bei der Verbindung mit der Radio-C-App hatte ich allerdings immer wieder meine Probleme – zumindest dann, wenn man der App nicht dauerhaft gestattet, den Standort des Geräts abzufragen. An einer Stelle war mir die Steuerung per Software dennoch ganz angenehm, und zwar dann, wenn es um die Aufnahmefunktion geht. Diese lässt sich per App starten und stoppen und zeigt auch die gegenwärtige Dauer der Aufzeichnung an. Ersteres geht freilich auch am Radio, letzteres sieht man nur in der App.

Und damit komme ich auch schon zur Bedienung: Wie bei allen vernünftigen Kurzwellenradios haben wir es auch beim Raddy-Radio mit einem Gerät mit einer gewissen Komplexität zu tun. Man muss sich erst einmal an die Bedienung gewöhnen und sich mit den Funktionen vertraut machen. Zu behaupten, das Radio ließe sich einfach bedienen, wäre sicher nicht ganz richtig. Hat man sich aber einmal der Logik eines solchen Geräts geöffnet, kommt man aber recht gut damit klar. Irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass beim Design dieses Radios die Weltempfänger von Sony Pate gestanden haben. Das Display des RF757 ist sehr auskunftsfreudig und nur bedingt gut abzulesen. Obwohl es gleichmäßig hintergrundbeleuchtet ist und die Blickwinkelstabilität für so ein klassisches Flüssigkeitskristalldisplay ganz prima ist, sind die vielen Symbole schon reichlich klein – Lesebrille bereithalten! Alle Betriebsmodi werden angezeigt, zudem verfügt das Radio über ein Thermometer, welches die Umgebungstemperatur anzeigt.
Die Frequenzabstimmung erfolgt nicht nur mit den großen Pfeiltasten, der Direkteingabe über die Zifferntastatur oder frei definierbare Frequenzsprünge, es gibt zusätzlich auch noch einen rückseitig hochkant verbauten, drehbaren Abstimmknopf mit fühlbarer Rasterung. Dieser Abstimmknopf, von Raddy als “seamless fequency control” bezeichnet, ist leider nicht ganz so “seamless”, wie der Name glauben macht: Bei jedem Rasterpunkt durchs Frequenzband ist der Empfang für einen ganz kurzen Moment, einen Sekundenbruchteil, unterbrochen. Man kann an diesem Empfänger also nicht so “durchkurbeln”, wie man das von analogen oder sehr hochwertigen digitalen Empfängern gewohnt ist. Ja, gewohnt… Für mich ist das schlicht eine Frage der Gewöhnung, mein letztes analoges Kurzwellenradio hatte ich 1999. Ab dann war die Abstimmung immer digital. Aber aus Gesprächen mit einem Radiofreund weiß ich, dass für manchen dieses analoge Feeling echt wichtig ist. Irgendwie kann ich das auch verstehen, die alten Kurzwellenprofis verlassen sich gerne eher auf ihr geschultes Gehör, als auf eine mehr oder weniger hohe Selektivität eines automatischen Bandscans.Raddy RF757

Empfang:
Den Empfang betreffend macht das Radio gerade auf der Kurzwelle eine hervorragende Figur. Ich würde den Empfänger, sofern man die mitgelieferte Drahtantenne (Länge rd. drei Meter) verwendet, sogar als sehr gut und schön empfindlich bezeichnen. Alle hier empfangbaren Auslandssender werden klar und laut empfangen, lediglich das Fading macht bei diesem Radio deutlich mehr Probleme, als mein Tecsun-Radio, das ich hier ja auch schon mal beschrieben habe. Der Kurzwellenscan geht superflott, lange Kurbeln durch die Bänder kann man sich sparen, freilich kann man auch die Frequenzen direkt eingeben. Daumen hoch, mit dem RF757 kann man sehr ordentlich Radio hören.
Im Mittelwellenbereich ist das Radio allerdings “relativ” taub, ein Problem, dass ich bei allen drei Raddy-Geräten wahrgenommen habe. Mich wundert ein wenig, dass der Mittelwelle in anderen Tests ein guter Empfang attestiert wird – ich habe ihn offen gesagt als eher mittelmäßig wahrgenommen.
Der Empfang im AIR-Band ist auch überraschend gut und klar, allerdings miss ich dazu sagen, dass ich keine vier Kilometer vom Nürnberger Tower entfernt wohne.
Im UKW-Band ist wieder alle prima, die Local/Distant-Schaltung funktioniert auch hier ausgesprochen gut.

Klang: Von einem so kleinen Gerät mit noch viel kleinerem Lautsprecher erwartet man hinsichtlich des Klangs keine Wunder – doch gerade in dieser Disziplin vermag der kleine Kasten zu überraschen. Denn der Lautsprecher klingt für seine Größe durchaus voll und angenehm. Raddy hat es sich nicht nehmen lassen, den Lautsprecher separat verkapselt zu verbauen und geräterückseitig einen klitzekleinen Bass-”Radiator” mit Passivmembran einzubauen. Ein lustiges Feature, das nun nicht allzu viel Gewinn bringt, den Ton dennoch ein wenig stützt. Nun liefert der Lautsprecher weder einen kräftigen Bass, noch möchte man mit diesem Radio ausdauernd Musik hören, trotzdem klingt es für seine Größe recht erwachsen, die Sprachverständlichkeit ist prima.Raddy RF757 - Rückseite

Aufnahmefunktion: Micro-SD-Karten mit einer Speicherkapazität von bis zu 256 GB soll das Radio mounten können – leider habe ich das nicht probiert, weil ich entweder nur größere oder wesentlich kleinere Karte zur Hand hatte. Mit einer 64 GB-Karte, die im Normalfall für die Aufzeichnung eine ganze Weile reichen sollte, funktioniert alles bestens. Die Aufnahme klappt auf allen Frequenzbändern, während der Aufzeichnung sind alle Tasten, außer der Lautstärketasten gesperrt.

Aufgezeichnet wird im MP3, bei 44.1 kHz und 160 kbps, stereo. Jetzt ist bei einer analogen Aufnahme hier freilich eine Art Limiter oder “auto level control” aktiv, die macht aber einen super Job. Leider wird in den Metadaten der Audiofiles nicht hinterlegt, wann oder auf welcher Frequenz die Aufnahme gemacht wurde. Bei vielen Files auf der Karte wird das nach einiger Zeit zum Ratespiel. Und dennoch: Die Aufnahmefunktion ist ein tolles und gut umgesetztes Feature.

Verarbeitung: Für sich genommen ist die Verarbeitung des kleinen Geräts recht ordentlich und bietet nur bei genauerem Hinschauen Anlass zur Kritik. Im Rahmen eines so ausführlichen Tests allerdings möchte ich mir doch die Zeit nehmen, tatsächlich einmal genauer hinzuschauen und dann fallen zwei Punkte ins Auge: Das Gehäuse ist nicht ganz verwindungsfrei und weist mehrere kleine, aber unschöne Spaltmaßabweichungen zwischen Vorderschale und Gehäuserückseitenteil auf. Das ist technisch erst mal kein Problem, alles funktioniert prima, mindert aber dennoch den optischen Eindruck. Dieses Manko bemerkt man aber nur bei sehr genauem Hinsehen. Der zweite Kritikpunkt ist die wirklich lumpige Ausziehantenne. Sie besteht aus vielen Segmenten und die sind teils recht biegsam und dünn. Das wäre sicher etwas besser gegangen. Auch die Hintergrundbeleuchtung des Tastenblocks fällt sichtbar unregelmäßig aus. Alles andere hingegen ist tadellos verarbeitet, insgesamt macht das Gerät nicht nur einen guten, sondern robusten Eindruck.

Fehlt etwas? Nun, es gibt mehrerlei, was ich mir von so einem Multifunktionsradio noch wünschen würde: Zum einen wäre da ein DAB+-Band. Ja, ich mag analoge Technik und bin nach wie vor fasziniert von der Kurzwelle, DAB+ ist aber im Alltagsgebrauch einfach verdammt praktisch. Und DAB-Empfang würde den Nutzwert so eines Geräts sehr steigern. Auch ein Langwellenband fände ich prima. Die Langwelle dümpelt gerade ziemlich vor sich hin, in Europa gibt es nur noch Sender in Großbritannien, Polen, Rumänien und Norwegen, aber aus nostalgischen Gründen fände ich es schon interessant, während des Urlaubs mal wieder Langwelle zu hören (früher, Anfang, Mitte der 90er bis in die 2000er habe ich oft den DLF auf Langwelle gehört, öfter als auf Mittelwelle). Bei der Aufnahmefunktion wünsche ich mir eine Timeraufnahmefunktion – gerade in Verbindung mit der App-Steuerung stelle ich mir das sehr gut programmierbar vor. Das Radio selbst bringt ja einen Wecker und einen Sleep-Timer mit, das wären doch ideale Voraussetzungen, um eine programmierbare Aufnahme zu integrieren. Wenn hier jemand von Raddy mitliest – ihr wisst, was ihr zu tun habt! Was allerdings ein echtes Manko ist, ist das Fehlen von SSB. Das sollte so nicht sein, die preisgleiche Konkurrenz von Tecsun etwa ist grundsätzlich mit SSB-Empfang ausgestattet. Und dann wäre natürlich noch chic, wenn das Radio nicht bei der Abstimmung bei jedem Frequenzschritt für den Bruchteil einer Sekunde muted, sondern sich einfach “durchkurbeln” ließe. Diese Funktion bleibt aber offensichtlich nur teureren Geräten vorbehalten.

Fazit: Mit der Firma Raddy hat ein neuer, fernöstlicher Akteur die Bühne der Hersteller kompakter, ernst zu nehmender Kurzwellenradios betreten. Mir gefallen die Tecsun- und Sangean-Geräte hinsichtlich ihres Bedienkonzepts und der Verarbeitungsqualität zwar besser, das ist aber auch immer ein wenig eine Frage des eigenen Geschmacks. Und letztlich ist das Raddy-Gerät mit einem Straßenpreis von etwas unter 100,- Euro auch recht günstig, vor allem, wenn man hier die vielfältigen Features des Radios bedenkt.

Angetestet: Raddy RF886 – ein brauchbarer Weltempfänger für ein Taschengeld

Der Kurzwellenempfang gehört zu meinen langjährigen, wenn auch mittlerweile nur gelegentlich gepflegten Hobbys, mit dem ich in den 2010er-Jahren immer mal wieder längere Zeit pausierte, weil es mit der Kurzwelle nicht zum Besten stand. Im Zuge des Ukrainekriegs ist gegenwärtig wieder etwas mehr auf Kurzwelle los, so bunt und vielfältig wie es in den 1990er-Jahren noch war, wird es aber wohl nicht mehr werden. Und dennoch: Lasst uns KW hören, solang dort noch etwas los ist. Und los ist allen Unkenrufen zum Trotz noch immer einiges – mit einfachen Mitteln lässt sich die BBC, Russland, China und die Türkei hören.

Dieser Tage kreuzte ein interessanter Empfänger chinesischer Provenienz zu einem Kampfpreis von 33,- Euro meinen Weg: Ziemlich klein und dennoch ein vollwertiger Weltempfänger – das ist das Raddy RF886 Kurzwellenradio. Ein kleines und kompaktes Radio mit großem Funktionsumfang und eingebauten Akku für ein Taschengeld – da musste ich doch zuschlagen.

Die Handelsmarke Raddy ist unter den Radiofreunden nicht mehr ganz unbekannt, der Hersteller, der insbesondere über Amazon sogenannte Notfallradios und DAB-Radios zu günstigen Preisen anbietet, liefert mit dem RF886 nun ein weiteres Modell, einen Taschenempfänger, der sich als durchaus vollwertiger Weltempfänger erweisen soll. Die empfangbaren Frequenzen:

  • Ultrakurzwelle: 64-108 MHz
  • FM: 30,00-199,975 MHz (ein separates Wetterband in diesem Bereich ist ebenfalls vorhanden)
  • Mittelwelle: 520-1710 kHz
  • Kurzwelle: 3.20-21.95MHz

Alleine an diesem nicht für den europäischen Markt angepassten Frequenzbändern sehen wir, dass das in einer Faltschachtel mit einer 3-Meter-Drahtantenne mit Krokoklemme und einem USB-Ladekabel gelieferte Radio einfach über den ganzen Globus vertrieben wird.

Ein paar Worte zum Empfang: Die Empfangsqualität auf UKW ist gut, über Mittelwelle erstaunlicherweise unterdurchschnittlich und auf Kurzwelle immer noch sehr gut. Die beigelegte Drahtantenne bringt einen recht deutlichen, hörbaren Gewinn, die etwas kurze und wenig flexible Stabantenne des Radios macht sie quasi unverzichtbar. Ohne separat anclipsbare Antenne ist der Empfang allenfalls nur durchschnittlich. Das Fading der Stationen fand ich bei diesem Gerät ausgeprägter als bei anderen Empfängern, allerdings muss man fairerweise dazu sagen, dass mein anderes, regelmäßig genutztes Kurzwellenradio über eine recht aufwendige digitale Signalaufbereitung verfügt. Das hat dieses kleine Taschenradio natürlich nicht. Und auch wenn Euch mein durchaus kritischer Unterton nicht verborgen geblieben sein wird: Für das aufgerufene Geld sind wir hier sehr solide unterwegs.

Vom Klang eines so kleinen Gerätes darf man freilich keine Wunder erwarten, da man über MW und KW aber in der Regel keine Musik hören wird, ist das, was der Lautsprecher da zu Gehör bringt, durchaus ausreichend. Zusätzlich gibt es noch sechs Equalizer-Stufen, die den Klang und die Sprachverständlichkeit merklich verbessern – man möchte den Eindruck haben, dass der Equalizer wirklich auf den verbauten Lautsprecher angepasst wurde (was heute leider nicht mehr selbstverständlich ist).

Was macht nun dieses kleine Radio so interessant, so besonders? Nun, zuerst einmal ist da der Formfaktor: Dieses kleine Gerät ist wie gemacht für Reisen, für die Nutzung auf dem Balkon und der Terrasse. Man kann es problemlos in die Brusttasche stecken, auch wenn die dann etwas ausgebeult. Man muss keinen Batterievorrat mit sich herumtragen, das Gerät erhält seinen Strom über USB-C, damit lässt sich auch der eingebaute Akku aufladen.
Ein Sleeptimer und ein Wecker sind ebenfalls mit an Bord – und nicht zuletzt kann man dieses Radio auch noch als Bluetooth-Lautsprecher verwenden. Damit hat man unterwegs eigentlich alles beisammen, was man als ambitionierter Radiohörer braucht und schätzt.

Und dann gibt es auf der Oberseite sogar noch eine Taschenlampe, die mit zwei LEDs einen kräftigen Lichtstrahl liefert und sehr zu meiner Überraschung richtig brauchbar ist. Mit einem zweiten Druck auf die seitlich angebrachte Lampentaste morsen die LEDs das „SOS”-Lichtsignal, bei langem Druck auf die Taste erklingt ein lauter Alarmton.

Wird man als interessierter Kurzwellenhörer mit diesem kleinen Radio glücklich? Sagen wir mal so: Ich habe schon wesentlich schlechtere und empfangsschwächere Radios gesehen.

Für die etwas mehr als dreißig Euro, die für dieses Gerät aufgerufen werden, bekommt man erstaunlich viel Radio. Man muss natürlich sagen, dass man heute für unter hundert Euro ein Taschengerät mit digitaler Stabilisierung, kaum Fading, externen Antennenanschluss und vor allem Frequenzdirekteingabe erhalten kann – ebenfalls mit Akku (sogar tauschbar). Mein Tecsun erfüllt diese Kriterien, darüber hinaus bekommt man vergleichbare Geräte aber auch von Degen, aber auch z.B. den XHDATA D808 oder, wenn es etwas günstiger sein soll, D109.

Man muss also überlegen, was man möchte und braucht. Und dennoch ist dieses Gerät einfach, klein, leicht bedienbar und von guter Verarbeitung – und das Ganze um den Preis eines Taschengeldes. Und dann ist da noch der Frequenzbereich von 30,00-199,975 MHz, mit dem man hierzulande zwar nicht allzu viel anfangen kann (in der Nähe von Flughäfen senden die Tower hier Wetterinfos, aber eben in AM), aber in den USA werden z.B. in diesem Frequenzband die Wetteraussendungen der National Weather Organization ausgestrahlt, für die es aber auch einen eigenen WB-Bereich gibt, wie zuvor erwähnt, hierzulande ohne Nutzwert… Das könnte also durchaus von gesteigertem Interesse für Reisende sein.

Wer sich als Einsteiger der Kurzwelle annähern will und das mit einem sehr kompakten Gerät tun möchte, findet im RF886 einen perfekten Partner, verwendet man die mitgelieferte Drahtantenne. Der gegenwärtige Straßenpreis beträgt 33,- Euro, mit etwas Geduld erhält man für solche Geräte bei Amazon auch Aktionsgutscheine von 15 oder 20 Prozent, im Radioddity-Shop kostet das Gerät gerade 30 US-Dollar.

Wirtshaus-Explorer: Gaststätte Bienenheim, Nürnberg-Zerzabelshof

Wenn wir nicht den Tipp bekommen hätten, dass, gut versteckt mitten in Zerzabelshof am Rande einer Kleingartenkolonie und eines Wäldchens, unweit des Goldbachs und der Diehl-Villa, das Restaurant Bienenheim, ein klassisches griechisches Lokal mit guter, bodenständiger Küche liegt, wir hätten uns wohl nie in diesen durchaus entlegenen Zipfel Zabos verirrt. Das Bienenheim ist ein überraschend großes Restaurant (von außen sieht es viel kleiner aus, als es tatsächlich ist) und hat einen großen, wunderschönen Biergarten, in dem man im Sommer lauschig unter alten Bäumen sitzt.

Restaurant "Bienenheim", Nürnberg-Zerzabelshof

Obschon seit mindestens 15 Jahren das Restaurant in diesen Räumlichkeiten zu finden ist, ist der Gastraum modern und großzügig gestaltet, auch das Nebenzimmer vermittelt durch das dunkel gehaltene Interieur und das gedämpfte Licht eine ruhige und gepflegte Atmosphäre. Man sitzt an großzügigen Tafeln, der Service ist freundlich und flott. Besonders schön, wie eingangs schon erwähnt, ist allerdings der Biergarten. Schöne Biergärten sind in Nürnberg nicht mehr allzu häufig anzutreffen, der im Bienenheim ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Angeschlossen ist ein kleiner Kinderspielplatz und einige Parkplätze (wenn das Restaurant gut besucht ist, muss man sich allerdings in der Regel einen Parkplatz im Viertel suchen, was sich nicht immer ganz einfach gestaltet).

Restaurant "Bienenheim", Nürnberg-Zerzabelshof, Innenansicht I

Nürnberg-Zerzabelshof, Innenansicht II

In den letzten Jahren waren wir immer wieder im Bienenheim, einfach, weil die Küche konstant gutes, griechisches Essen serviert. Zu unseren persönlichen Highlights gehören die Vorspeisenplatte, die in ihrer Varianz und auch in ihrer Portionsgröße durchaus schon als Hauptspeise durchgehen kann und der Klassiker „Gyros-Calamari“ (17,50 Euro), das Gyros immer frisch und knusprig, die Calamares leicht und mild paniert und auf den Punkt frittiert. Dazu reicht man einen hervorragenden Krautsalat und auch ein schmackhafter Klecks Zaziki findet sich auf dem Teller. Klar, das klingt jetzt erst einmal völlig unspektakulär – und das ist es im Kernwohl auch, aber so wie das Gericht im Bienenheim angeboten wird, ist es vor allem eines: unheimlich lecker! Zum Vorspeisenteller (14,50 Euro): Fein die gefüllten Weinblätter (Dolmades), Tiropitakia und vor allem die hausgemachte Oliven- und Fetacreme an gegrillten Zucchini, Auberginen und Paprika sind wunderbar schmackhaft.

Bienenheim Nürnberg-Zerzabelshof, Mixteller Gyros-Kalamari

Bienenheim Nürnberg-Zerzabelshof, Vorspeisenteller für eine Person

Weithin bekannt (und beliebt) sind auch die fränkischen Gerichte, die allerdings nur Sonntagmittag serviert werden: Schäufele, Schweine- und Jägerbraten. Als Geheimtipp gilt die geschmorte Lammhaxe und als Nachspeise Galaktoboureko (6,50 Euro, konnte uns bei unserem letzten Besuch allerdings nicht ganz überzeugen).

Man schenkt Biere der Brauerei Tucher aus, das Seidla Urfränkisch Dunkel schlägt mit 3,90 Euro zu Buche, ein Hefeweizen kostet 4,- Euro und 0,2l einfacher Silvaner (nicht so großzügig eingeschenkt, wie man es anderen Ortes gewohnt ist) kostet 5,50 Euro.

Das Bienenheim mag vielleicht kein Repräsentant der Haute Cuisine sein, aber dort wird seit Jahren konstant gute Qualität abgeliefert – das Essen ist schmackhaft, deftig, die Portionen ordentlich und die Preise vertretbar. Und um solche Adressen ist man heutzutage ja schon sehr dankbar.

Restaurant Bienenheim, Adalbert-Stifter-Straße 1, 90480 Nürnberg, 0911 / 40 64 90

Wirtshaus-Explorer: Quattro Stagioni, Nürnberg-Veilhof

Was wären unsere Nürnberger Stadtteile ohne die alteingesessenen Wirtschaften, die kleinen, familiengeführten Restaurants, ohne die Gäste aus der Nachbarschaft? Sicher weniger lebenswerte, langweiligere und ärmere Orte. Und so gilt es heute, auf eines jeder Lokale ein Loblied zu singen, das genau so ein wunderbares gastronomisches Angebot inmitten des Stadtteils Veilhof macht – das Quattro Stagioni, ein im besten Wortsinne familiär geführtes italienisches Restaurant inmitten des Viertels.

Den stets fröhlichen und so begeistert lächelnden Küchenchef des „Quattro“, Gianni, kennt man im Viertel. Gianni ist mehr als nur Koch – er ist ein begeisterter Vermittler der italienischen Kulinarik, und das immer mit einem Augenzwinkern und einem sicheren Gespür für die Bedürfnisse seiner Gäste und er ist die Seele des Restaurants. Man merkt sofort, dass Gianni seine Küche, seine Berufung liebt – das schmeckt man und so ist sein Restaurant seit zwanzig Jahren immer gut besucht.

Quattro Stagioni, Nürnberg

Der an der Heerwagenstraße/Ecke Geuderstraße gelegene Italiener hat nicht nur einen großzügigen Gastraum mit Nebenzimmer, sondern im Sommer auch einen typischen Hinterhofbiergarten, man sitzt lauschig inmitten der alten Mietshäuser unter einem großen Baum und genießt einen frischen Rosé oder ein Bier (der Brauereien Zeltner bzw. Tucher).
Auf der großen Speisekarte finden wir all die italienischen Klassiker, die wir kennen und lieben, seien es Bruschette, sei es die Pizza Salami, Calzone (alle aus dem Steinofen) oder die berühmten Spaghetti Carbonara.

Die echten Spezialitäten der Küche de Quattro Stagioni offenbaren sich aber auf der Tageskarte, die handgeschrieben auf großen Kreidetafeln im Restaurant zu finden sind. Hier stehen je nach Jahreszeit Fischgerichte (Dorade, Dorsch), Muscheln, Gerichte mit frischen Pilzen (so zum Beispiel Steinpilzrisotto), hausgemachte Nudeln und andere Köstlichkeiten angeschrieben. Und wenn man einen Sonderwunsch hat – Gianni erfüllt ihn gerne. Man sitzt also beim Stadtteilitaliener in normalem Ambiente und kann kulinarisch extravagieren – wo gibt es das heute noch?

Besonders angelegentlich möchte ich, sofern sie auf der Tageskarte steht, die Kalbsleber venezianischer Art empfehlen. Die leichte Weißweinsoße, die glasierten Zwiebeln und die in milder Salbeibutter geschwenkten Tagliatelle harmonieren so perfekt, so angenehm mit der auf den Punkt gebratenen, zarten Leber, dass es wirklich ein Hochgenuss ist.

Leber venezianische Art, Quattro Stagioni, Nürnberg

Manche Zutat bringt der Küchenchef selbst aus Italien mit, die Gerichte werden alle frisch zubereitet. Dass, ist das Restaurant voll, man durchaus auf sein Essen warten muss, ist der Preis dieser frischen Küche.

Hausgemachte Spaghetti Amatriciana, Quattro Stagioni, Nürnberg   Pizza Salsiccia picante, Quattro Stagioni, Nürnberg    Pizza Calzone, Quattro Stagioni, Nürnberg    Pizza Salami, Quattro Stagioni, Nürnberg

Preislich bewegt sich die hochanständige Küche im Mittelfeld und so ist das Restaurant zumeist gut frequentiert – da empfiehlt sich auf jeden Fall eine telefonische Tischreservierung.

Restaurante Pizzeria Quattro Stagioni, Heerwagenstraße 21, 90489 Nürnberg, Telefon: 0911 / 28 57 658

15 Jahre blog.fohrn.com

Late to the Party? Vielleicht ein wenig – denn dieses Weblog (um einmal die vollständige Bezeichnung zu verwenden) feierte seinen 15. Geburtstag bereits am 30. November 2023. Eine Rückschau habe ich mir seinerzeit mit Verweis auf den Beitrag zum 1000. Post gespart – dennoch möchte ich heute die Gelegenheit wahrnehmen, im 15. Jahr der Existenz dieses Blogs ein wenig Rückschau zu halten – auf das Bloggen allgemein, auf dieses Blog im Speziellen und auf das, was sich zwischenzeitlich so alles getan hat.

Mit Blogs, mit WordPress arbeite ich seit etwa 2004. Damals richtete mir ein Freund das erste Blog unter der Domain „fohrn.com“ ein, es überdauerte meine Studienzeit allerdings nicht und darf heute als verschollen gelten, auch, weil ich die Daten seinerzeit nur spärlich sicherte und heute nicht mehr finde. Darüber bin ich nun nicht allzu traurig, denn regelmäßig drehten sich die Posts um Studieninhalte und waren allenfalls für einen kleinen Personenkreis an meiner Hochschule interessant. Und dennoch hat mich das, was man weiland als „Web 2.0“ bezeichnete, nie ganz losgelassen – und so wagte ich 2008 eben mit diesem Blog einen Neustart – einfach, weil ich ein paar Sachen in WordPress ausprobieren wollte. Und dann ist mir diese Seite irgendwie geblieben.

Die ersten deutschsprachigen Blogs kamen ja schon Ende der 90er-Jahre auf, so richtig losging es nach meiner Wahrnehmung mit dem Bloggen im deutschsprachigen Raum allerdings erst 2003, 2004. In seiner Blüte stand das, was man gemeinhin als „Web 2.0“ bezeichnen mag – so mein persönliches Gefühl und daher auch meine gefühlte Datierung – in etwa von 2005 bis vielleicht 2010, 2012. Und dennoch sind Weblogs bis heute sehr lebendig und erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit – auch wenn ihnen um das Jahr 2006 große Konkurrenz durch diverse „Social Media“-Kanäle erwuchs.

Mein „Restart“ 2008 fällt also vielleicht schon ins Abklingen der Hochphase dieser Entwicklung, allerdings war und ist meine Faszination für das Bloggen, für das „selbst publizieren“, für die journalistischen, gesellschaftlichen und technischen Aspekte dieses Phänomens, die niedrigschwellige Möglichkeit, mit Leserinnen und Lesern, Nutzerinnen und Nutzern in Dialog zu treten, bis heute ungebrochen. Und so wurde dieses Weblog auch regelmäßig gepflegt, auch wenn es bisweilen „schwache“ Jahre mit wenig Output gab. Das schon fast anachronistisch klassische Design dieses Blogs habe ich, getragen von ebenjener Faszination für das Web 2.0, absichtlich beibehalten. Auch wenn man heute Designs im Magazinstil bevorzugt, sich selbst als „Personenmarke“ aufbaut und das Blog mittlerweile landläufig zu einem Teilaspekt der eigenen Internetpräsenz geschrumpft ist, widersetze ich mich diesem Trend in allen vorgenannten Punkten ganz bewusst. Das Web 2.0 vor zehn, fünfzehn Jahren war vielleicht nicht chic – aber funktional. Und so hat dieses Weblog im Wesentlichen nur zwei große Designänderungen erfahren, das dreispaltige Design hat mir lange Jahre gute Dienste geleistet, nun, seit 2017, verwende ich ein noch reduziertes, zweispaltiges klassisches Template. Denn es tut seinen Job und das Blog ist auf den ersten Blick als solches erkennbar.

Screenshot vom November 2009, aus der Internet Wayback Machine

Nach den Blütetagen kam der Katzenjammer. Viele Blogs sind in den „Zehnerjahren“ den Weg alles Irdischen gegangen. Das mag zum einen an der geringer werdenden Leserschaft gelegen haben (zu Spitzenzeiten hatte ich auf dieser Seite 40.000 unique visits am Tag, heute sind es im Mittel knappe tausend), das mag daran gelegen haben, dass viele Inhalte in diverseste Social-Media-Kanäle abgeflossen sind und das mag auch daran gelegen haben, dass Blogs mehrheitlich „One-Man-Shows“ sind. Damit sind sie aber immer latent gefährdet, weil sie dann vor sich hindümpeln, wenn sich die Lebensprioritäten ihrer Betreiber verschieben oder verändern. Auch dieses Blog stand zwei, dreimal vor dem Aus. Dazu ist es nicht gekommen – ich habe es nicht gelöscht, weil mich der Betrieb fast nichts kostet, die Serverkosten trage ich ohnehin. Es ist geblieben. Als ich mir überlegte, das Bloggen aufzugeben, wollte ich diese Seiten aber nicht einfach so löschen, sondern quasi als „Archiv“ stehen lassen. Und dann sind halt doch immer wieder Inhalte dazugekommen.

Mir scheint, dass das Bloggen in den Jahren Corona-Pandemie und besonders in den Monaten der „Lockdowns“ zu einer kleinen Renaissance gekommen ist. In diesen Lockdowns hatten viele Blogger ja Zeit und Gelegenheit, nicht nur zu bilanzieren, sondern auch Hand an Blog und Technik anzulegen und den etwas verschütteten Projekten neues Leben einzuhauchen. Bei mir was das ein wenig anders, Corona hat zuerst einmal mein Arbeitspensum ganz spürbar in die Höhe getrieben – aber ich fand mich plötzlich wieder in bester Gesellschaft ringsum wiederauferstehender Blogs. Und das motiviert schon, bei der Stange zu bleiben.

Und dennoch gibt es Monate, da poste ich gar nichts. Warum? Nun, oft fehlt es an der Zeit. Und oft wandern Inhalte, wie vorhin bereits angedeutet, in ganz andere Kanäle – wo sie manchmal besser aufgehoben sind, manchmal aber leider auch versickern. Es ist, wie es ist. In Franken gab es mal die Ironblogger, die einem eine freiwillige Pönale auferlegten, sofern man nicht mindestens einen Post pro Woche abfasste. Diese „Disziplinierungsmaßnahme“ hat bei mir freilich wenig gefruchtet; ihnen schulde ich infolgedessen noch drei Bier. Oder vier.

Nun ist es aber an der Zeit, eine kurze Rückschau zu halten auf die vergangenen 15 Jahre und was die Welt und dieses Blog in dieser Zeit so alles bewegte:

2008 wurde das Betriebssystem Android zum ersten Mal veröffentlicht. Zum damaligen Zeitpunkt war sein bahnbrechender Erfolg noch nicht ausgemacht, neben iOS war auch palmOS durchaus noch eine Alternative – und dann gab es ja auch noch die Blackberrys und Symbian. Deren Genese bzw. Dahinscheiden begleitete ich in den frühen Tagen dieser Seite sehr aufmerksam. Gerade mit Palms und ihren OS arbeitete ich anderthalb Jahrzehnte äußerst gerne und produktiv.
Der November 2008 war auch weltpolitisch durchaus von einem Hoffnungssignal geprägt, Barack Obama wurde Präsident der USA. Die Weltfinanzkrise hält in diesen Jahren die Welt in ihrem Würgegriff – wir haben, obschon wir die Chance hatten, aus ihr nichts gelernt. Wer dem Kapitalismus nicht die Zügel anlegt, wer nicht das Seinige tut, ihn zu überwinden, der muss ihm unweigerlich zum Opfer fallen.

2009 rettet man sehenden Auges nicht nur die „Hypo Real Estate“, auch die Dresdner Bank wird mit der ebenfalls schwächelnden Commerzbank fusioniert. Das einstmalige „Großversndhaus Quelle“ in Nürnberg und Fürth ist pleite. Das Kölner Stadtarchiv stürzt ein, auch in Nürnberg ist man alarmiert, wird doch gerade am Friedrich-Ebert-Platz die U3 gebaut. Der Amoklauf von Winnenden beschert uns immer noch keine schärferen Waffengesetze. Palm versucht, sich mit dem durchaus innovativen Modell „pre“ zu retten, der Versuch misslingt, dafür kommt das „G1“ als erstes Android-Telefon in die deutschen Läden. Unterdessen wird Wikileaks zur wichtigsten Website der Welt – und steht umgehend unter Beschuss.
Der Glubb steigt 2009 in die erste Liga auf.

Die Nürnberger U-Bahn wird 2010 abermals umgestellt, der weltweit einmalige und technisch komplizierte Mischbetrieb von menschengesteuerten Wagen und automatisiert fahrenden Zügen wird zugunsten der durchgängigen Automatisierung der Linien U2 und U3 eingestellt. Die erste Withings-Waage steht in den Regalen. Dreizehn Jahre später (!) werde ich mir auch so eine kaufen. Marshall launcht seinen ersten Kopfhörer – die Serie wird ein Kassenschlager. Googles „StreetView“ kommt – die Bürger sind sensibel und untersagen allerorten dem Konzern die Nutzung der Aufnahmen. Dreizehn Jahre später interessiert sich dafür keine Sau mehr. Die Piratenpartei, die unlängst erst einen kometenhaften Aufstieg erlebte, beginnt zu kentern. Das Loveparade-Unglück trifft viele ins Mark. Palm wird von HP übernommen. Gerettet hat sie das nicht. Die Mittelformat-Plastikkamera „Holga“ sorgt unter den Fotonerds für Furore, die „Lomographie“ erlebt ein Revival. Das erste iPad kommt in den Handel. Ich kann dem Gerät bis heute nichts abgewinnen, hinsichtlich der Bedeutung von Tablets für das persönliche Entertainment habe ich mich allerdings damals gehörig verschätzt. Könnt ihr eigentlich noch „Eyjafjallajökull“ aussprechen?

Das frühe Jahr 2011 ist von der Revolution in Ägypten und Tunesien geprägt. Sie soll später – nicht ganz zu Recht – als „Facebook-Revoolution“ in die Geschichtsbücher eingehen. Der Super-GAU in Fukushima führte der Welt noch einmal die Gefahren der Atomenergie vor Augen. In Deutschland steuert man um und beginnt ernsthaft mit dem Atomausstieg. Der Nazi-Terror wird sichtbar: Wir erfahren, dass es keine „Dönermorde“ gab, sondern die Neonazis des NSU mordeten. Bis heute versucht man, die Mordserie als Taten Einzelner darzustellen, das ist natürlich Unsinn. Ein Neonazi, Breivik, wird zum Massenmörder, tötet 77 Menschen. Breivik schrieb ein wirres Nazi-„Manifest“, in dem er sich unter anderem auf Broder beruft. Der rbb setzte Ken Jebsen ab. In seiner Person habe ich mich weiland sehr geirrt und freilich auch geschäumt, heute muss ich sagen, dass das absolut richtig war und auch zum richtigen Zeitpunkt passierte. DAB+ und Google+ wird gelauncht, DAB+ gibt es heute noch. Skype kommt zu Microsoft. Ich kehre Apple den Rücken, wende mich Windows und Ubuntu zu, bis heute ist das so geblieben.

2012 ist das Jahr von Android 3.0 und Firefox 11. Krass, oder? Die Eurokrise hat uns fest im Griff, die Bild titelt über die „Pleite-Griechen“. Im Zuge des NSU-Skandals werden jahrzehntelange Versäumnisse des Bundesamtes für Verfassungsschutz offenkundig. 2012 wird ein gewisser Hans-Georg Maaßen dessen Präsident, heute führt ihn seine eigene Behörde als Rechtsextremen. Schlecker ist insolvent. Nach einer Kredit- und Medienaffäre tritt Wulff als Bundespräsident zurück. Er hat das Amt schwer beschädigt. Wendehals Gauck wird Bundespräsident und erweist sich als ähnlich ungeeignet. Die Urheberrechtsdebatte um ACTA und auch die Vorratsdatenspeicherung begleiten uns als unliebsame Dauerthemen. Bubble-Tea war mal der heiße Scheiß. Zwölf Jahre später feiert das süße Gesöff mit den komischen Knackperlen eine Renaissance. Windows 8 wird veröffentlicht. Mir wird es keine große Freude bereiten, ich downgrade schnell wieder auf Win 7.

2013 wird die NSA-Affäre bekannt. Snowden wird einer der bekanntesten Menschen weltweit. Google ist an PRISM beteiligt. Insgesamt hat Google viele Sympathien wohlgesonnener Nutzer verspielt, Amazon ebenso. In Syrien tobt ein erbitterter Bürgerkrieg. Die Mollath-Affäre spitzt sich zu. Wir bekommen die „GroKo“. Ich beginne mit den altbekannten Wochenrückblicken. Eigentlich will ich sie regelmäßig veröffentlichen, doch zeitlich soll mir das – bis heute – nicht gelingen. In Franken werden Freifunk-Projekte richtig groß. Windows 8 erweist sich als wenig erfolgreich, man launcht 8.1. E-Plus wird von Telefonica geschluckt.

2014 – Krise folgt auf Krise: Kriegerische Handlungen auf der Krim in der Ukraine in der Ukraine beginnen, allerdings nimmt sie hier kaum jemand wahr. Der IS verbreitet Terror in der arabischen Welt. Mehrere Hitzerekorde machen den Sommer unerträglich. Der NSA-Untersuchungsausschuss wird eingesetzt, die PEGIDA-Nazis gehen uns allen auf den Sack, die faschistische AfD erstarkt.
Facebook kauft WhatsApp. Das soll sich recht bald als hervorragende Akquisition erweisen. Aus palmOS ist mittlerweile webOS geworden, gegen Ende des Jahres wird es eingestellt. Amazon hat mit dem FirePhone versucht, in den Mobiltelefonmarkt einzusteigen, mit mäßigem Erfolg. Aus dem Stand erfolgreich wird allerdings Amazons Sparachassistentin Alexa. Der Support für Windows XP wird eingestellt, doch noch Jahre später wird das erfolgreiche Betriebssystem weltweit verwendet werden.

Die Klimakrise hat uns 2015 voll im Griff, zudem auch ein Geschehen, das später völlig überzogener Weise als „Flüchtlingskrise“ dargestellt wird. Während im ganzen Land das zivilgesellschaftliche Engagement für Geflüchtete in seiner Blüte steht, nutzen die Hetzer von der AfD das Geschehen, um den verlorenen Teil der Gesellschaft politisch einzusammeln. Der VW-Abgasskandal wird bekannt. Windows 10 wird veröffentlicht.

Großbritannien stimmt 2016 für den Brexit – und wird damit eine lang anhaltende Staats- und Wirtschaftskrise auslösen, die noch heute fortdauert und daher mittlerweile kaum mehr als solche wahrgenommen wird. Bob Dylan bekommt den Literaturnobelpreis. Roger Willemsen stirbt. Bei einem Anschlag in einer Regionalbahn bei Würzburg werden fünf Menschen mit einem Messer verletzt. Nach Brüssel und Nizza wird auch ein Weihnachtsmarkt in Berlin Schauplatz eines Terroranschlags. DVB-T 2 wird in Nürnberg ausgerollt, funktioniert von Anfang an gut, hat aber den Schönheitsfehler, dass die Privat- und Regionalsender nicht mehr verbreitet werden.

Donald Trump wird 2017 Präsident der USA, er trumpelt alle politische Kultur platt und mit ihm wird das postfaktische Zeitalter eingeläutet. In Österreich wird Kurz Präsident, auch nicht besser, wie man schnell feststellen wird. Air Berlin geht Pleite, bei einem Brand im Londoner Grenfell Tower sterben über 70 Menschen.
Ein langgehegter Wunsch wird Realität – in der EU fallen die Roaminggebühren. Windows-Phone wird eingestellt.

Das Jahr 2018 mit seinem extrem heißen Sommer und der ausgeprägten europäischen Dürreperiode steht, wie die nun folgenden Jahre, ganz unter dem Eindruck der Klimakatastrophe. Das beginnt schon im Januar mit dem Orkantief Friederike. In Frankreich marschieren die Gelbwesten auf. Die Datenschutzgrundverordnung hält Webseitenbetreiber auf Trab. Mit Mastodon erhält das Fediverse eine Software/Plattform, die in der Lage ist, Twitter ernsthaft Konkurrenz zu machen. Ich trete der Instanz chaos.social bei.

Wie im Vorjahr auch, leiden wir 2019 unter der Hitze. Der Klimawandel ist real. Klimaleugner postieren sich. Wie viel Ärger wir mit Klimaleugnern, Esoterikern und Nazis haben werden, weisen die kommenden Jahre, doch die Saat ist längst im Aufgehen begriffen. Österreich wird von der Ibiza-Affäre durchgeschüttelt. Staatskrise in Großbritannien: Theresa May tritt zurück. Zensursula wird Präsidentin der Europäischen Kommission. Walter Lübke wird von einem Neonazi ermordet, in Halle/Saale ereignet sich ein rechtsextrem motivierter Anschlag auf eine Synagoge. Peter Handke erhält den Literaturnobelpreis, in Paris wird die Kathedrale von Notre Dame bei einem Großbrand substanziell zerstört. Die 5G-Frequenzen werden versteigert. Ich verliere ein ganzes Jahr Blogposts. Schade.

Die nun folgenden Jahre, 2020, 2021, 2022 und in Ausläufern auch 2023 stehen unter dem Eindruck der weltweiten Corona-Pandemie. Großbritannien tritt endgültig aus der EU aus. Bei den Kommunalwahlen in Nürnberg bekommen wir sehr knapp einen CSU-Bürgermeister. George Floyd wird in Minneapolis durch einen rassistischen Polizisten im Dienst ermordet, die „I can´t breathe“-Bewegung erfasst weite Teile der Welt. Beim Terroranschlag von Hanau ermordet ein Rechtsextremist neun Menschen. Die „Lindenstraße“ wird eingestellt.

2021 wird Olaf Scholz Kanzler, die Kanzlerschaft Merkels endet nach sechzehn Jahren. Elon Musk ist reichster Mann der Welt, er wird in der Folgezeit immer öfter unangenehm auffallen. Die Corona-Pandemie hält die Welt weiter im Griff, Nazis, AfDler, Heilpraktiker und andere Spinner „protestieren“ gegen ein Virus (soviel Verrücktheit muss man sich mal vorstellen!) und eine sichere und wirksame Impfung. Währenddessen schützt sich die Mehrheit der Bevölkerung durch Impfungen vor Corona. Windows 11 wird veröffentlicht.

Das Jahr 2022 wird politisch durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine geprägt sein. Eine Massenflucht setzt ein. In Frankreich kann sich bei den Präsidentschaftswahlen der rechte Präsident Macron knapp gegen die Rechtsextreme Le Pen durchsetzen. Eine Dürre- und Hitzewelle über Europa prägt den Sommer. Joseph Ratzinger, einstmals Papst, stirbt. Stark steigende Energiepreise kann die Bundesregierung durch geeignete Maßnahmen in Zaum halten – vorerst. Die Inflation schießt dennoch durch die Decke, die Gier der Kapitalisten kennt keine Grenzen. Die Queen stirbt. Elon Musk kauft Twitter und legt mit dem defizitären Kurznachrichtendienst einen sagenhaften Bauchplatscher hin. Mastodon und Bluesky können sich als Konkurrenten behaupten. Derweil steht das Thema Vorratsdatenspeicherung wieder auf der Tagesordnung – eine never ending story… Das Blog hat seinen tausendsten Post.

Der Atomausstieg ist vollzogen – im Jahr 2023 gehen die letzten AKWs vom Netz – Gott sei Dank! Aiwanger erweist sich als Totalausfall, derweil wird Kai Wegner regierender Bürgermeister von Berlin und die Hauptstadt struggelt von Krise zu Krise. Die Ampelregierung ist angezählt, mit der FDP hat man sich einen Koalitionspartner angelacht, der alle zarten Pflänzchen des Regierungserfolges zunichtemacht. Die FDP wird zu einer schweren Bürde für Deutschland. Zusammen mit der „Werteunion“ schmiedet die AfD in Potsdam bei einem Geheimtreffen Pläne zur Deportation ausländischer Mitbürger. Proteste der Letzten Generation sorgen für Aufmerksamkeit und halten die Klimakrise im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Das Blog feiert im November seinen 15. Geburtstag.

Für mich ist es immer noch eine Überraschung, dass ich eine Webseite pflege, die ich einstmals einrichtete, um einfach mal ein paar technische Dinge auszuprobieren.

Die große Frage ist doch, ob es private Blogs überhaupt noch braucht, vor allem solche im klassischen Design. Die Frage darf durchaus auch lauten: „Hat es private Blogs jemals gebraucht?“
Eine seriöse, tragfähige Antwort fällt mir schwer. Einerseits warten private Blogs oft nicht mehr, als die Fortsetzung von „Geocities“- oder „beepworld“-Seiten, über die wir uns bereits in den ausgehenden 90ern lustig gemacht haben. Und heute kann man dieses „Hobby? Internet!“-Ding auch irgendwie anders ausleben. Mehrheitlich existieren die vielen privaten Blogs der Nuller- und Zehnerjahre auch nicht mehr.
Andererseits sind die, die es noch gibt, nicht allein unterhaltsam, sondern regelrecht interessant. Noch immer habe ich eine ungebrochene Freude daran, private Blogs zu durchstöbern, vor allem dann, wenn sie auch Technikthemen beinhalten und schon etwas länger als zwei, drei Jahre existieren. Und ich freue mich auch über Text, über die sog. „long reads“. Private Blogs bilden die Interessen, Meinungen, Denkrichtungen einer Person ab – und sind daher in ihrer Vielfalt und vielleicht auch in ihrer Nicht-Kalkulierbarkeit mit Gewinn zu lesen. Mir scheint, dass gerade jene Blogger, die keine Strategie für ihre Seite haben und einfach authentisch in die Tasten hauen, die interessantesten Posts haben. Solche Blogs werden seltener – aber es gibt sie nach wie vor und sie bleiben spannend.
Gemeint sind hier – das muss ich einschränkend dazu sagen – nicht die sogenannten „Persönlichkeits-Blogs“ irgendwelcher selbst ernannter („Life-„)“Coaches“, „Unternehmensberater“, „Entrepreneure“, „Solopreneure“, „Freelancer, Ex-Top-Manager!1!!11!“, „Trainer“ oder anderer Esoteriker, Voodoo- und Schweinepriester, Selbstdarstellerdeppen, Jimmi-Johnny-Jenny-Fräägräänz-Ranz-AfDP-Spritzer, irgendwelcher „Krise! Krise! Gold kaufen!“-Apostel oder Cryptocurrency-Propheten und der Apologeten in ihrem Fahrwasser. Dass dieses Gelichter noch immer bloggt, mag daran liegen, dass „Blogger“ einstmals ein ähnlich seriöser „Beruf“ war wie heute „Influencer“. Eine Handvoll Leute kann von zweifelhaften Geschäftsmodellen leben und die Schafherde der Idioten rennt ihnen bedingungslos hinterher.

Und dann bleibt freilich noch eine andre Frage zu beantworten: Haben Blogs Zukunft?
Um ganz ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Betrachtet man die im Laufe der Jahre immer deutlicher abnehmenden Zugriffszahlen der wenigen Blogs, die sie überhaupt veröffentlichen, betrachtet man die immer geringer werdende Beteiligung in Form von Kommentaren und Diskussionen, betrachtet man die hohe Dynamik in Blog-Rankings und „Bestenlisten“, müsste man diese Frage wohl recht eindeutig mit „Nein.“ beantworten. Ihren Zenit haben Blogs mit Sicherheit überschritten.
Lässt man aber diese vermeintlichen Erfolgsfaktoren außer Betracht, misst man hingegen die Verweildauer und vor allem die regelmäßige Wiederkehr der Leser, müsste die Antwort ganz klar „Ja!“ heißen. Und auch bezüglich der Wirksamkeit in bestimmten Diskussionen, auch wenn sie sich eher „über Bande“ als meinungsbildendes Element entfaltet, braucht man sich keine Sorgen zu machen – die ist gegeben und erlebbar. Und last but not least dienen Blogs auch heute noch der Leserschaft als Ergänzung zu Print-Produkten. Da Print seit zehn Jahren in der Krise ist und sich diese Krise gegenwärtig besonders auf den regionalen und lokalen Zeitungsmärkten zuspitzt, werden insbesondere Blogs mit lokalen und sublokalen Inhalten zukünftig wieder deutlich mehr Leser erreichen.

Wie die Zukunft dieses Blogs aussehen wird, darüber wage ich keine Prognose abzugeben. Letztlich kostet die Pflege eines Blogs Zeit – und wer mich kennt, kennt meine Umtriebigkeit und mein daher tendenziell eher kleines Zeitbudget. Dennoch will ich natürlich auch in Zukunft immer wieder Artikel veröffentlichen.

Zuletzt möchte ich die Gelegenheit dieser kleinen Rückschau für ein paar Worte des Danks an alle meine Stammleser und Kommentatoren richten, all jenen, mit denen ich hier, auf Twitter, Mastodon und Bluesky und „irl“ in Kontakt stehe, die das, was ich so tue, über all die Jahre wohlwollend begleiteten und ihre Gewogenheit zum Ausdruck brachten und bringen. Ich danke Euch und hoffe, dass ihr mit Seiten wie dieser auch in Zukunft Spaß haben werdet, Zerstreuung findet und Euch der ein- oder andere Impuls erreichen möge. Das würde mich sehr freuen.

Wochenrückblick KW 14 2024

Nach dem Osterwochenende hat uns der Alltag wieder. Und zum Alltag gehört hier (meistens) auch der Wochenrückblick. Der fällt in dieser Woche leider mal wieder relativ kurz aus, was vielfältigen anderen Terminen meinerseits geschuldet ist. Die nächsten Wochen wird es übrigens nicht besser, weil auch da einiges im Terminkalender steht…

  • Wir restaurieren den Faschismus, pt. 45987: Die Potsdamer Garnisonskirche – ein Projekt eines rechtsradikalen Bundeswehroffiziers.
  • CSU verbietet das Gendern in ihrem recht übersichtlichen Wirkungskreis, CSU schämt vor Wut, weil nun der Konsum von Cannabis in engem Rahmen erlaubt ist, Söder verlost ein überdimensionales Schoko-Osterei mit seinem Konterfeit. Das ist alles so wahnsinnig albern.
  • Der Frankenschnellweg ist ein Vorhaben längst vergangener Tage. Die Verkehrswende hat gerade erst begonnen, in absehbarer Zeit wird niemand eine Stadtautobahn vom Schlage eines Frankenschnellwegs mehr brauchen. Vor Gericht scheint aber nun der Weg endgültig frei zu sein. Schade.
  • In die Debatte um den kreuzungsfrei ausgebauten Frankenschnellweg mischen sich aber auch andere Töne: VCD und BN haben erst einmal formell eine Niederlage einstecken müssen, dennoch könnten sie am Ende des Tages als Gewinner dastehen – nämlich dann, wenn die Stadt das Projekt streicht. Warum? Die Urteilsbegründung des Bayerischen Verwaltungsgerichts wird einige Monate auf sich warten lassen. Dann wird geprüft, ob nicht etwaige Verfahrensfehler möglicherweise doch eine Revision des Urteils möglich machen. Selbst wenn das nicht möglich ist, fällt die Debatte um den Ausbau schon in den nächsten Kommunalwahlkampf – und das kann den Befürwortern des Frankenschnellwegs überhaupt nicht recht sein, denn in der Bevölkerung bröckelt die Zustimmung. Wird eine Revision zugelassen, ist die Messe eh gelesen, denn dann ist das Projekt so lange verzögert, dass eine Realisierung kaum mehr sinnvoll möglich ist.
    Egal, ob nun gerichtlich der Weg für den Frankenschnellweg freigemacht wurde, oder nicht – dass er wirklich gebaut wird, scheint auch angesichts der Kosten ziemlich unwahrscheinlich. Die Befürworter sprechen von 700 Millionen Euro, Kritiker schätzen die Kosten auf über eine Milliarde. Geld, dass die Stadt, die für den Bau quasi allein aufkommen muss, ohnehin nicht hat. Der Freistaat könnte jetzt natürlich kräftig Geld dazuschießen, es ist aber höchst fraglich, ob er das in dem erwarteten Umfang tun wird. Ich halte Söder für einen Opportunisten, der sich im Rest Bayerns die Finger nicht an einem so lokalen und so umstrittenen Ding wie dem Frankenschnellweg verbrennen wird.
    Bürgermeister König versucht nun freilich, Tempo zu machen und Tatsachen zu schaffen – doch auch das wird nichts nutzen, das Geld wird ja in der Zwischenzeit nicht mehr, sondern weniger. Vielleicht mag ich mich irren, aber persönlich glaube ich nicht mehr, dass der kreuzungsfreie Ausbau des Frankenschnellwegs kommt
  • „Tesla leidet unter Elon Musk“. Well, das hätte ich Euch schon vor zwei Jahren sagen können, aber gut…
  • Jupp, nun werden wir auch in Europa Scheiße fressen – und das nicht zu knapp. Der Hochrisikozucker Isoglukose wird in der EU zugelassen. „Isoglukose wirkt anders auf das Gehirn – dadurch stellt sich im Vergleich zu anderen Zuckerarten, zum Beispiel der Glukose, kein Sättigungsgefühl ein. Auch das stärkt die Verbindung zur Fettleibigkeit.“ Lebensmittel, die mit dem High Fructose Corn Syrup versetzt sind, sind in meinen Augen keine Lebensmittel mehr, das Gesundheitsrisiko von Glukose-Fructose-Sirup ist einfach sehr hoch. Ich persönlich, der ich nie Lebensmittel wegwerfen würde, betrachte mit diesen chemischen Substanzen verseuchte Waren nicht mehr als Lebensmittel – sie sollten meines Erachtens weder gekauft noch gegessen, sondern weggeworfen werden. Wir haben echt Kapitalismus im Endstadium, das ist wirklich unfassbar.
  • Warum man sich mit diesem ÖRR-„Manifest“ mal gepflegt den Arsch abwischen kann, fasst die taz recht gut zusammen.

Wirtshaus-Explorer: Gaststätte und Weinstube „Zum Flößla“, Nürnberg

Schon oft habe ich an ähnlicher Stelle beklagt, dass es immer schwieriger wird, in der Nürnberger Innenstadt gut gutbürgerlich essen zu gehen und die fränkische Küche, sosehr ich auch das internationale Speisenangebot in der Stadt schätze, immer mehr ins Hintertreffen gerät. Dieser Tage musste ich mich aber (zum Glück einmal wieder) eines Besseren belehren lassen, den Karl empfahl uns ein Restaurant, in das ich ohne diese Empfehlung wohl nie gegangen wäre, so unscheinbar präsentiert es sich von außen. Dabei liegt der Untere Bergauerplatz so malerisch an der Pegnitz, den Ausblick entlang des Flusses auf die Altstadt kann man von der direkt gegenüberliegenden Heubrücke, die zum Heilig-Geist-Spital führt, richtig genießen.

Kenner der Nürnberger „Wirtschaftsgeografie“ werden nun wissen, welche Lokalität ich meine: Die Gaststätte „Zum Flößla“, so unspektakulär sie auf den ersten Blick auch sein mag, hat es in sich.

Gaststätte "Zum Flößla", Unterer Bergauerplatz, Nürnberg. Außenansicht.

Betritt man die Gaststube, so fällt sofort ins Auge, dass sie sehr urig und sehr klein ist, fast schon verwunschen verwinkelt. Kleine Speisegaststätten sind nun in der Nürnberger Innenstadt kein einmaliges Phänomen, aber im Flößla ist’s eben nicht nur klein, sondern gemütlich – und seien wir ehrlich: Das Flair einer Gaststätte ist doch die halbe Miete.

Das urige Interieur passt aber eben nicht nur perfekt ins Konzept des Flößlas, sondern auch irgendwie in die malerische Altstädter Gegend.Gaststätte "Zum Flößla", Nürnberg; Innenansicht.

Vor oder nach dem Restaurantbesuch sollte man die Gelegenheit nutzen und ein wenig in der Gegend spazieren gehen. Hier gibts einiges zu sehen, begonnen bei der Ruine des ehemaligen Katharinenklosters über den eingangs schon erwähnten malerischen Blick über die Pegnitz auf die Insel Schütt und das Heilig-Geist-Spital.

Der Besuch lohnt auf jeden Fall, nicht nur wegen der sehenswerten Umgegend. Von der Chefin wird jeder Gast aufs Herzlichste willkommen geheißen, der Service ist zugewandt, persönlich und zügig. Für Freunde der fränkischen Küche bietet die Speisekarte eine sehr üppige Auswahl unterschiedlichster Gerichte. Ich habe mir sagen lassen, die Spezialität des Hauses sei die Sülze – probiert habe ich sie allerdings nicht. Ebenfalls wurde mir von einem phänomenalen Wiener Kalbsschnitzel berichtet – am Abend meines Besuches musste ich aber unbedingt das Schäufele testen – und das konnte ebenfalls überzeugen.Gaststätte "Zum Flößla", Nürnberg; Innenansicht. Ein wirklich gutes Schäufele kommt mit einer knusprig-zarten Kruste, das Fleisch muss sich leicht vom Knochen lösen und zart sein. In einer geschmacklich guten, würzigen, aber nicht zu dichten und zu schweren Soße findet sich das Schulterstück des Schweins wieder, ein perfekt auf den Punkt gekochtes Kniedla begleitet das Gericht ebenso, wie ein liebevoll arrangierter und mit einem guten Dressing abgerundeter Beilagensalat – das Flößla liefert in all diesen Punkten ohne Fehl und Tadel ab.

Meinen Mitspeisenden stand an jenem Abend der Sinn nach Braten – und gerade der Sauerbraten gereichte ebenfalls zu Verzückung. Abgerundet wurde unser Besuch von einer Nachspeise, die wir uns dann aber teilen mussten – Kaiserschmarrn. Der war herrlich fluffig gelungen und mundete ebenfalls vorzüglich.
De Silvaner Hausschoppen war erwartungsgemäß sehr anständig, zudem serviert man Kuchlbauer-Biere.

Schäufele, Zum Flößla, Nürnberg   Sauerbraten, Zum Flößla, Nürnberg   Braten, Zum Flößla, Nürnberg    Kaiserschmarrn, Zum Flößla, Nürnberg

Für ein bürgerliches Restaurant ist das Preisniveau recht hoch angesiedelt, teurer dürfte es nach meinem Dafürhalten nicht mehr sein. Das Schäufele schlägt mit knapp zwanzig Euro zu Buche, der Kaiserschmarrn kostet stattliche 10,80 Euro, das ist bereits das deutlich obere Ende der Fahnenstange (und bei dieser Einschätzung ist die Innenstadtlage freilich bereits berücksichtigt). Das gilt natürlich auch für die Getränke.

Insgesamt kann ich die Gaststätte „Zum Flößla“ empfehlen, besonders mit der frischen fränkischen Küche sticht das Lokal wohltuend aus dem innerstädtischen Einheitsbrei hervor – das Ambiente ist urig, die Sitznischen gemütlich und der Service flott und herzlich.

Nicht allein aufgrund der Größe des Lokals, sondern auch wegen des Zulaufs, besonders zu Messezeiten, sollte man immer einen Tisch reservieren.

Zum Flößla – Gaststätte und Weinstube, Unterer Bergauerplatz 12, 90402 Nürnberg, 0911 / 22 74 95

Mal eben Radio Z retten…

Nicht das erste Mal in der mehr als 37-jährigen Geschichte des Nürnberger Radiosenders Radio Z ist das nichtkommerzielle, freie Radio, heute sagt man „community radio“, in seiner Existenz gefährdet. Drohte in der Vergangenheit, insbesondere in den 1990er-Jahren, dem Sender immer wieder wegen inhaltlich gewagter Beiträge der Entzug der Sendelizenz, ist das heute anders.

Einfaches tragbares Digitalradio, eingestellt ist das Nürnberger Community-Radio "Radio Z".

Dem in Nürnberg ansässigen ersten Freien Radio Bayerns droht nicht etwa abermals ein Entzug der Sendelizenz, sondern schlicht eine Fördermittelkürzung. Diese allerdings fällt so gravierend aus, dass damit die kostspielige technische Verbreitung in Gefahr ist; es fehlt also am Geld, das zur Anmietung der Sender gebraucht wird. Und einem Radiosender, der nicht sendet, ist das Rückgrat gebrochen – auch in unseren digitalen Zeiten.

Würde das im Kern linksalternative Radio Z, das aufgrund seiner Beträge besonders Rechten und Konservativen ein Stachel im Fleisch und Dorn im Auge ist, aus dem Äther verschwinden, wäre die Nürnberger Radiolandschaft nicht nur ärmer, sie wäre einer wesentlichen, kritischen Stimme in unserer immer einförmigen regionalen Medienlandschaft beraubt.

Radio Z finanziert sich einerseits durch Fördergelder und Bezuschussungen, andererseits aber auch durch Mitgliedsbeiträge. Der hinter dem Sender stehende Verein R.A.D.I.O. e.V. organisiert Finanzierung und Betrieb – hier liegt ein Schlüssel zur Rettung des Senders. Denn anders als in der Vergangenheit steht grundsätzlich die Sendelizenz, die in Bayern von der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) vergeben wird, nicht infrage. Die genannte Mittelkürzung allerdings könnte den traditionsreichen DIY-Sender zum Verstummen bringen.

Nun ist es aber nicht so, dass man dagegen nichts unternehmen könnte – im Gegenteil: Jeder Einzelne kann unmittelbar etwas zum Fortbestand von Radio Z beitragen und Mitglied im Verein werden. Und das ist gar nicht so teuer – Geringverdiener zahlen 40,- Euro, Normalverdiener 80,- Euro im Jahr. Mit monatlichen 3,33 Euro bzw. 6,66 Euro ein überschaubarer Betrag für mehr Pluralität und Gegenöffentlichkeit in der Region.

Das Gebot der Stunde lautet daher: Mitglied werden. Das geht entweder über den Mitgliedsantrag (PDF) oder aber über eine Anfrage an den Sender per Mail an die Adresse mitglieder@radio-z.net. Alle Möglichkeiten, wie man Mitglied werden kann, finden sich auch noch einmal hier kurz zusammengefasst.

Ich bitte Dich, die*der Du diesen Post bis hierhin gelesen hast, in diesem Moment kurz darüber nachzudenken, ob so eine Mitgliedschaft infrage kommt – und wenn ja, dann gleich den Mitgliedsantrag auszufüllen und Radio Z zu unterstützen.

Ein paar Randbemerkungen an dieser Stelle: Ich persönlich werte die Mittelkürzungen für Communityradios in Bayern als einen Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit „über Bande“. Einen, dessen Intention zwar jeder versteht, der aber schwer nachzuweisen ist. Ist es den Widersachern der freien Rede über die Jahre nicht gelungen, Radio Z mundtot zu machen, wurde das Recht zum Betrieb des Radiosenders immer wieder gerichtlich bestätigt und fanden sich für die gegen Radio Z verhängten Strafzahlungen immer wieder großzügige Spenderinnen und Spender, so sind die Mittelkürzungen ein substanzieller Angriff auf die Existenz des Senders. Ein Angriff, der anderen, kommerziellen und durch ihr normiertes und unkritisches Programm weniger missliebigen Anbietern durchaus zupasskommen kommen könnte: Auch wenn Radio Z via DAB+ eine 24-Stunden-Frequenz zur Verfügung steht, ist die analoge Verbreitung über UKW heute noch von besonderer Bedeutung – denn Reichweite wird nach wie vor über den alten analogen UKW-Hörfunk erzielt. Und da hat Radio Z auf der Frequenz 95,8 MHz täglich zwölf Stunden Sendezeit. So eine UKW-Frequenz teilen sich kommerzielle Anbieter natürlich nicht gerne, die reichweitenstarke „95,8“ inmitten des UKW-Rundfunkbands ist sozusagen ein „Radio-Filetstück“ in der Region und das weckte schon immer Begehrlichkeiten.

Radio Z ist nicht das einzige freie Radio, dessen Existenz infrage gestellt und das angegriffen wird. Dabei spielen die freien Radios in ihren Verbreitungsgebieten eine wesentliche Rolle, Sie bieten nicht nur Gegenöffentlichkeit und räumen marginalisierten Gruppen Sendezeit ein, sondern sind auch insbesondere für die lokale Musikszene wichtig. Die Community-Radiosender werden in aller Regel maßgeblich ehrenamtlich betrieben und sind auch deshalb in den Regionen wichtige Orte subkulturellen Geschehens.

Wochenrückblick KW 12/2024

In der vergangenen Woche leider nur ein paar wenige Links, mehr hat meine persönliche Zeit leider nicht hergegeben. In der Karwoche macht der Wochenrückblick eine kleine Pause….

  • Happy Birthday, Fritz!Box!! Zwanzig Jahre sind in unserer kurzlebigen IT-Zeit echt schon eine verdammt lange Strecke! Zufriedener Fritz-Nutzer bin ich aber erst seit 2009, mein erster WLAN-Router war von Netgear, danach hatte ich einen dieser dank weiter Verbreitung durch Arcor Mitte der 2000er recht häufig gesehenen ZyXEL-WLAN-Router. Heute führt meiner Meinung nach an der Fritz!Box kein Weg vorbei.
  • Ich weiß, dass es da wohl noch den ein- oder anderen Palm -Fan gibt, der hier im Blog mitliest und auch ich selbst vermisse die guten alten PDAs schmerzlich. Umso erfreulicher folgende Meldung, die, nicht mehr ganz taufrisch, erst heute die Schwelle meiner Aufmerksamkeit überschritten hat: Jason Scott hat bei archive.org ein riesiges Archiv mit Palm/PalmPilot-Software hochgeladen.
  • Neuer Ärger in der Ampel: FDP begrüßt Bürgergeld-Konzept der CDU. Dafür fordert man nun ein Kernfusions-Gesetz. m(. Die FDP ist so ein Bettnässer-Verein, man fasst es nicht.
  • Stadtrat schreibt Mindestlohn vor: Uber und Lyft verlassen Minneapolis. Da weiß man, was man hat. Ich bin ja dafür, das Taxi-Monopol mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten.
  • Essay über die feministische Seite Curt Cobains, die kaum einer kennt.
  • Irrsinn Magnetschwebebahn: In den NN vom 21. März heißt es, dass nun eine etwa 100k€ teure Studie Auskunft über die Machbarkeit erteilen soll. Während man bei der Rathausfraktion der SPD nach wie vor kritisch ist, will unser Hoher Herr und König, dass „man sich der Idee nicht gleich verschließen“ solle. Ich bin besonders erstaunt, dass der Grüne Achim Mletzko in der Lokalberichterstattung so Magnetbahn-willig auffällt. Gerade den Grünen hätte ich hier mehr Sachverstand zugetraut. Denn bereits heute – ohne das Versenken von wenigstens hunderttausend Euro Steuergeld für eine Studie – liegt klar auf der Hand: Bögls Magnetbahn mag eine nette technische Spielerei sein, bietet aber im Nahverkehr keinerlei echten Mehrwert. Denn die Straßenbahn, ein seit über einem Jahrhundert bestens in der Stadt erprobtes System, funktioniert nicht nur zuverlässig und ist sogar billiger, nein, sie ist auch aus dem Stand heraus in unsere Nahverkehrsstruktur technisch vollständig integriert, kann einfach in die vorhandenen Betriebswerke einfahren und ist in der Zukunft sogar erweiterbar! Und das alles ohne Umsteigen! Die Straßenbahn ist als Nahverkehrsmittel schon heute der Magnetbahn in allen relevanten Punkten hoffnungslos überlegen – sie hat nur einen klitzekleinen Fehler: Mit ihr ist halt keine Industrieförderung „über Bande“ für oberpfälzische Baukonzerne möglich.

 

Ein Lob auf das Faxgerät

Erinnert sich jemand von Euch eigentlich noch an Faxgeräte? Diese mehr oder weniger klobigen, länglichen Kästen, aus denen nach ein- bis dreimaligem Läuten gelegentlich mal ein paar Seiten Papier – in der Regel beschrieben – herausfielen? Die, wollte man solch beschriebenes Papier einem anderen Fax-Teilnehmer senden, lustig pfiffen und rauschten, wenn man deren Nummer anrief, um eine Sendung auf den Weg zu bringen? Nun, diesem guten alten Technik-Überbleibsel aus vermeintlich vergangenen Tagen soll es nun endgültig an den Kragen gehen.

Faxgerät im Schaufenster eines Nürnberger Second-Hand-Shops, November 2022

In ihrer Ausgabe vom 19. Februar berichteten die Nürnberger Nachrichten darüber, dass es in Bayern (!) inzwischen einen Vorstoß gäbe, die Faxgeräte in Landesbehörden schon Mitte dieses Jahres (gemeint ist das laufende Jahr 2024!) abzuschaffen. Ganz anders in Niedersachsen und Bremen, dort will man seitens der Verwaltung am Faxgerät festhalten.

Die verlinkte Golem-Meldung vermag zu belustigen; man ist sich offensichtlich allerorten einig, dass das Fax schon reichlich retro und nicht mehr Stand der Technik und des Zeitgeistes ist, will es aber dennoch nicht abschaffen, weil man seitens der Verwaltung überzeugt ist, dass deren Weiterbetrieb „auch ein Service etwa für Unternehmen, die bislang nicht auf andere Kommunikationswege umgestellt hätten“ sei. Die Unternehmen ihrerseits verweisen darauf, dass die Verwaltung diesen Kommunikationsweg präferiere, anderenfalls hätte man ja die Faxgeräte längst abgeschaltet. Hier scheint also der Hund seinen eigenen Schweif zu jagen.

Fernab solcher Missverständnisse bleibt aber freilich die Frage offen, warum das Faxgerät immer noch so beliebt ist – stellt seine Verwendung doch nicht weniger als einen deutlichen Medienbruch dar. Dokumente aller Art werden heute gewöhnlich am Computer erstellt, sie dann auszudrucken, um sie hernach als Telefax auf den Weg zu bringen, ist reichlich aufwendig. Und ergeht die Antwort dann ebenfalls per Fax, wird sie nicht selten beim Empfänger gescannt und dann digital weiterverarbeitet. Und dennoch faxen einige Zeitgenossen bis zum heutigen Tage fröhlich hin und her, während Großkonzerne mittlerweile dazu übergehen, E-Mailadressen in der Kundenkommunikation abzuschaffen (wer ein Anliegen hat, unterhält sich ein wenig mit einem KI-Chatbot, und wenn der zu der Einsicht gelangt, er könne nicht mehr weiterhelfen, macht er für den Kunden ein Seviceticket auf). Warum also Fax, wo es doch langsam, teuer und von schlechter Abbildungsqualität ist? Vielleicht kann ein Blick in die jüngere Telekommunikationsgeschichte ein wenig Licht ins Dunkel dieser Fragestellung bringen:

Nun, die Wikipedia weiß zu berichten, dass der Faxdienst von der Deutschen Bundespost bereits 1979 eingeführt wurde, es dauerte aber, bis sich die Geräte durchsetzten. Weiter heißt es da: „Heimisch wurde das Faxgerät in den deutschen Büros aber erst Ende der 1980er Jahre. Bereits ab Anfang der 1990er Jahre kam kaum mehr ein Büro ohne Faxgerät aus.“ Das deckt sich auch mit meiner Wahrnehmung.

Als im väterlichen Büro Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, das erste Faxgerät installiert wurde, kam noch ein Techniker der Deutschen Bundespost ins Haus, öffnete am Gerät eine Klappe, legte durch Umschalten einiger Dipschalter und Tippen auf der Tastatur des Faxapparats die immer mitübertragene Absenderkennung fest und verplombte das Gerät wieder. Dieser Service dürfte einen mittleren Batzen Geld gekostet haben, Geld, dass das Gerät aber alsbald wieder hereinverdienen sollte, denn ein Fax war in jenen Tagen auch behördlicherseits so akzeptiert, wie ein teurer Einschreibebrief. Dieser besondere Status einer Faxsendung sollte alsbald wieder fallen, weil sich schnell herumsprach, dass sowohl die Absenderkennung als auch der Quittungsdruck des Faxgerätes sowie eine Faxübertragung selbst mit einfachsten Mitteln manipulierbar waren. Witzigerweise hielt aber gerade die Justiz am Fax und seiner Anerkennung fest, galt doch ein Schriftsatz, der rechtzeitig per Fax das Gericht erreichte, als form- und fristwahrend eingegangen. Und damit begann der Boom des Faxes – wundersamerweise bis auf den heutigen Tag.

Nach meiner Erfahrung ist genau diese Akzeptanz einer Faxsendung bei Behörden der Grund, warum diese Technik sich nach wie vor gegen die E-Mail behaupten kann.

Und so kommt es dann auch zu Einschätzungen wie der von Marcel, die ich hier einmal exemplarisch wiedergeben möchte:

Vielleicht eine unpopuläre Meinung, aber ganz ohne Fax geht es leider noch nicht. Es fängt damit an, dass es in vielen (Ausländer-)Behörden keine funktionierende Aktenführung mehr gibt und ich nicht davon ausgehen kann, dass Schreiben an die Behörde zur Akte gelangen.
Dann brauche ich den Faxbericht als Nachweis darüber, dass ich es der Behörde geschickt habe. Zumal es da durchaus auch mal auf den konkreten Zeitpunkt ankommen kann. Solange diese Mängel fortbestehen, ist die Abschaffung von Faxgeräten keine gute Nachricht und auch nicht im Sinne der Behördenopfer. (Quelle)

Nun arbeite ich selbst regelmäßig mit öffentlich-rechtlicher Verwaltung zusammen und weiß, dass Marcel mit dieser Einschätzung einfach mal recht hat. Freilich, man könnte per Mail kommunizieren – aber die Verbindlichkeit, die ein Fax heute noch genießt, lässt sich per Mail im Verwaltungsdialog einfach nicht herstellen. Freilich ist das ein Spiegelbild behördlichen Versagens, es illustriert, wie in Deutschland Bürokratie funktioniert. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern – denn letztlich wusste bereits Lenin, dass sich die Bürokratie am liebsten selbst reproduziert. Und drucken, faxen, scannen und ablegen sichert Arbeitsplätze der öffentlichen Hand.

Was also wäre, wenn von heute auf morgen alle Faxgeräte stillgelegt würden? Wenn sich die Datenschützer, die mit Recht die Manipulierbarkeit und fehlende Verschlüsselung der Sendungen monieren, sich durchsetzten?

Ja, diese Vorstellung ist ein klein wenig gruselig, denn ja, auf Faxe wird noch halbwegs zuverlässig reagiert, ihr Eingang in der Regel akzeptiert und, obwohl die Technik in Zeiten von VoIP durchaus nicht weniger fehlerbehaftet ist, als früher, bleiben erstaunlich wenige Sendungen „hinter der Wand stecken“. Nun könnte man durch signierten und verschlüsselten Mailverkehr durchaus kommunizieren – aber man nenne mir auch nur ein deutsches öffentliches ITK-Projekt, das nicht mit Anlauf und nach Ansage versemmelt wurde. So gesehen bedeutet der Wegfall des Telefax wohl wirklich einen Verlust – auch wenn man sich das ob der Absurdität dieser Aussage kaum vorstellen mag.

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