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Umsonstladen Nürnberg

Das Konzept eines Umsonstladens – das dem Wort eigene Paradoxon darf als gewünscht gelten – ist einfach und bestechend zugleich. Jeder, der nicht mehr gebrauchte aber noch nutzbare Sachen übrig hat, kann sie in einem Umsonstladen abgeben und Dinge, die man selbst gebrauchen kann oder schön findet, mitnehmen – wenn man will. Wie ein Tauschbasar mag einem dieses Konzept auf den ersten Blick vorkommen – wer genauer hinsieht, der kann aber bei weitem mehr dahinter entdecken.

Es geht nicht um das Tauschen, denn bei diesem Vorgang würde dem jeweiligen Gegenstand ja ein Tauschwert zugeschrieben, es geht darum, einen wie auch immer gearteten „Wert“ von einer Sache loszulösen und sie jemandem zukommen zu lassen, der sie gebrauchen kann. Damit läuft im Konzept des Umsonstladens der Austausch von Gegenständen ohne Geld und Gegenleistung – Gegenstände, die einstmals Waren gewesen sind, verlieren den Warencharakter, weil sie ja nicht gehandelt werden. Ein durchaus interessantes Experiment und ein von der Idee her im kleinen auch guter Ansatz – es wird nicht nur Müll vermieden sondern Gegenständen ein neuer Gebrauchswert zugeschrieben, der exakt von dem definiert wird, der sich entschließt, das Gut mitzunehmen.

Damit dieses Experiment funktionieren kann, bedarf es einiger weniger Regeln. Für den Umsonstladen in Nürnberg konnte ich herausfinden, dass jeder nur soviel mitbringen darf, wie er selbst in Händen tragen kann und jeder auch nur drei Teile mitnehmen mag. Der Sinn dieser Regeln erschließt sich sofort: Der räumlich begrenzte Laden ist kein Möbellager und maximal drei Teile darf man mitnehmen, damit man nicht den Laden leerräumt und die Beute auf dem Flohmarkt oder in Osteuropa zu Geld macht.

Ich habe vor geraumer Zeit schon mal in der Zeitung gelesen, dass es auch in Nürnberg so einen Umsonstladen gibt und da dieser Tage wieder einmal „Ausmisten“ auf der Agenda stand, haben sich einige Dinge zusammengefunden, bei denen das vielbemühte Wort „zum Wegschmeißen eigentlich viel zu schade“ durchaus zutraf. Diese Dinge, darunter ein Mantel, ungetragene Kleidung, einige Küchenutensilien, Bücher und Schallplatten haben wir also zum Umsonstladen der Nürnberger Jesus Freaks gebracht – und um es vorweg zu nehmen: Es tut mir um jedes weggegebene Stück – so überflüssig es für mich auch gewesen sein mag – wirklich leid. Warum?

Beim Aussortieren haben wir uns wirklich Mühe gegeben – den Wintermantel, der mir zu klein war, brachten wir freilich frisch gereinigt zum Umsonstladen, die kaum gebrauchten Küchenuntensilien wurden nochmal ordentlich abgespült, auf Vollständigkeit geprüft und liebevoll gepackt. Etliches neue aber für uns eben nutzlose war darunter – Dinge also, die bei eBay oder auch dem Flohmarkt sicher noch ein paar Groschen gebracht hätten. Das wollten wir aber nicht, wir hatten uns selber darauf gefreut mit den Sachen anderen eine Freude machen zu können – doch nichts dergleichen ist geschehen.

Wir sind mit dem Auto an den Umsonstladen in der Regensburger Straße gefahren und wurden sofort von Kindern umringt, die lautstark die neue „Lieferung“ umjubelten und diese genau in Augenschein nahmen. Freilich waren die etwas entäuscht, denn unter unseren Sachen fand sich freilich nichts, was Kindern hätte gefallen können. Um die enttäuschten Hoffnungen der Kinder tat es mir leid – nichts desto trotz machten sich die Kinder daran, unser Zeug möglichst schnell in einen abgeschotteten Bereich des Umsonstladens zu bringen. Ich bin in diesen auch nur vorgedrungen, weil ich mir die wirklich schwere Kiste mit den Küchenutensilien nicht aus der Hand nehmen ließ – ein Kind soll so schwer nicht heben!

Im abgetrennten Bereich des Ladens – vom Rest separiert durch einen Schrank und eine große Jesus-Freaks-Flagge, stürzten sich sogleich drei Frauen auf die „Lieferung“ und fledderten in Windeseile die sorgsam gepackten Pakete.

Währenddessen sahen wir uns in dem Teil des Kellergeschosses um, das wohl den Laden darstellen sollte: Alles war in einem wirklich verwahrlosten Zustand: Der Boden übersäät mit Papier,  Kleidung mehrheitlich auf einen Haufen geworfen und nur weniges war an Bügeln aufgehängt. In einem alten Schrank vor Dreck starrende Töpfe – und dieses Bild wurde abgerundet von einem muffigen und fettigen Gestank. Das hier Dinge präsentiert werden sollten, die für jemanden einmal einen Wert darstellen sollen – undenkbar. Diesen muffigen Müllhaufen als Umsonstladen zu bezeichnen, wäre mir jedenfalls nicht eingefallen.

Wir haben einigermaßen ernüchtert den Raum verlassen – aber mich packte dann doch die Neugier. Wieso wurde, was wir zum Laden trugen, im separierten Bereich so schnell verräumt – hätte es sich nicht im öffentlichen Bereich finden sollen?

Eine geraume Weile betrachteten wir das Treiben um den Umsonstladen aus den Augenwinkeln – allzureger Publikumsverkehr herrschte nicht und schließlich entschloss ich mich, wieder zurückzugehen und zu sehen, was denn mit den Sachen passiert ist, die wir „angeliefert“ hatten.

Ein paar meiner Bücher und Schallplatten hatten es nach einer halben Stunde tatsächlich in den Laden zu den Müllbergen geschafft – ein Buch, das hat mich gefreut – fand auch gleich in die Hände einer Interessentin. Von den – teilweise ungebrauchten – Töpfen, Pfannen und Schalen war alles verräumt. Bedürftige, Interessierte, Studenten hätten diese gar nicht bekommen können. Denn die Ehrenamtlichen scheinen in diesem Umsonstladen eine Art Auswahlrecht zu besitzen. Eine der Ehrenamtlichen ließ sich von mirt noch erklären, wie das elektrische Bratenthermometer nun im Detail funtioniert – und schwupps war es verschwunden.

Es ist nicht so, dass ich den dort Tätigen nicht das ein oder andere Stück gönnen würde, zumal die Ehrenamtlichen selbst ganz offensichtlich auch auf ihre Weise bedürftig sind – aber mir drängt sich der Verdacht auf, dass im Nürnberger Umsonstladen alles, was noch halbwegs brauchbar ist, beiseite geschafft wird und nur das, was den Ehrenamtlichen nicht selbst wertvoll genug erscheint (Bücher und Tonträger) überhaupt im Laden landet.

Damit ist aber nicht nur das Konzept des Umsonstladens kläglich an der Realität und der Gier der Leute gescheitert – auch Bedürftigen tut man ganz offensichtlich nichts Gutes, wenn man seine Dinge den Jesus Freaks anvertraut.

Mir tut es wie gesagt um jedes Stück leid – denn hätte ich unsere Sachen beim Roten Kreuz, dem Gebrauchtwarenhof der Diakonie oder der Heilsarmee abgegeben, hätte zumindest eine theoretische Chance bestanden, dass sie auch Menschen erreichen, die sie gebrauchen können und zu schätzen wissen.

Das der Initiatorin des Umsonstladens im letzten Jahr der „Ehrenwert-Preis“ zuerkannt wurdem, geht für mich in Ordnung – sie wird am wenigsten dazu können, dass sie das mit Sicherheit einstmals gute Konzept so gescheitert ist.

Und ganz selten freut sich tatsächlich einer von ihnen sichtbar darüber, dass er etwas Schönes oder Nützliches gefunden hat — und lächelt. (Quelle: NN)

So selten müsste die Freude ja nichtmal sein – aber was nutzt der Bohei um den Umsonstladen und die inhärente Kapitalismuskritik, wenn von den Dingen, die gespendet werden, nur der Bodensatz wirklich abgegeben wird und das Kellerloch dazu noch infernalisch stinkt? Ich erwarte beileibe keine professionelle Warenpräsentation – aber auf jedem Wertstoffhof geht es ordentlicher zu. Und das Bittere: Auf jedem Wertstoffhof werden wertigere Sachen in die Container geschmissen. Und so ist es besonders schade, dass der Umsonstladen in Nürnberg gescheitert ist.

Am Rande: Ich sehe in einer kapitalismuskritischen Haltung und dem christrlichen Glauben keinen Widerspruch. Gerne hätte ich mich darüber auch mit den Jesus Freaks ausgetauscht und mehr über ihre Sicht der Dinge und den Umsonstladen erfahren. Von den Jesus Freaks war nur leider keiner da. Die Frau, die Schicht schob erklärte mir auf Nachfrage, dass sie mit den Jesus Freaks nun überhaupt nichts am Hut hätte, ursprünglich sogar mal streng katholisch war. Da musste ich schon lachen.

6 Kommentare

  • Ich kenne den Laden (der übrigens nicht in der Regensburger, sondern in der Rothenburger Straße ist) und kann diese Beobachtungen in jeder Hinsicht bestätigen. Absolut würdelos. Darum fahre ich meine Spendenkisten zu den Gebrauchtwarenhöfen der Diakonie…

  • Barbara Letalik

    Und jetzt auch mit eigener Webseite 😉
    http://www.umsonstladen-nuernberg.de/

  • Johanna Zwinscher

    vielen Dank für Ihren ausführlichen Bericht!
    Ich kenne die Situation, von der Sie schreiben und weiß um den Schock, der einen „Normalbürger“ überfällt, wenn er zu unseren Öffnungszeiten in den Umsonstladen kommt.
    Jede Woche räumt ein Team von 2 Personen den Laden auf, putzt und dekoriert, so dass er hübsch anzusehen ist und jede Woche stehen schon mind. 10 Personen vor dem Laden, die es gar nicht erwarten können, dass er aufmacht. Von 11:00 Uhr bis 12:00 ist dann kein Durchkommen und danach sieht der Laden aus „wie sau“.
    Wir bemühen uns redlich, die entstandene Unordnung wieder zu beseitigen, das kann aber leider nicht jeder gleich gut.

    Natürlich ist es wesentlich einfacher, auf einem riesigen Platz große Container aufzustellen und dazu ein paar Leute zu bezahlen, die Ordnung halten. Wir haben aber weder den Platz noch das Geld, es ist schon eine große Leistung der Jesus Freaks, den Laden überhaupt aufrecht zu erhalten und wir freuen uns über JEDEN und JEDE, die diesem Projekt unbezahlt ihre/ seine Arbeitskraft zur Verfügung stellt. Die Arbeit im Umsonstladen ist nämlich ganz schöne Knochenarbeit, nicht nur die Sisyphusarbeit des Aufräumens, auch die unterschiedlichen emotionalen Ansprüche der Nutzer lassen die drei Stunden wie einen vollen Arbeitstag wirken.
    Da ist es meiner Ansicht nach nur gerechtfertigt, wenn man sich als Ehrenamtliche ein schönes Stück mit nach Hause nimmt.

    Die Gier ist wohl das größte Übel, gegen das wir kämpfen und aus diesem Grund, gerade weil wir wollen, dass die Sachen heil und zusammengehörend ordentlich in den Laden gelangen, packen wir in Ruhe hinten aus. Oft werden die Dinge auch erst unter der Woche in den Laden geräumt.
    Wir haben schon viel darüber nachgedacht und diskutiert, wie wir den Ablauf geordneter und würdevoller gestalten können, wir haben auch schon viel ausprobiert.

    Ich würde mich freuen, einmal mit Ihnen zusammen eine Samstagsschicht zu machen und danach mit Ihnen über Verbesserungsmöglichkeiten zu sprechen! Bei einer ruhigen Tasse Kaffee können wir dann auch gerne über den Glauben, die Jesus Freaks und den Kapitalismus plaudern.

  • Agatha

    Hallo,
    Obwohl es sich schon länger her ist, als darüber geschrieben wurde, aber ich wollte die Damen, die ihre Sachen lieber zum brk oder Gebrauchtwarenhof fahren, eine Frage stellen.
    Ihnen ist schon bekannt, dass die Sachen verkauft werden?
    Das teilweise LKW’s aus dem nahen Ausland kommen und Sachen auch Möbelstücke für wenig Geld verkauft werden und dann wird im Osten Europas Geld damit verdient.
    Das Rote Kreuz hat eigene Läden und da kosten die Kleider auch noch teilweise bisschen Geld. Und sehr großen Mengen werden in die Drittländer verkauft.
    Also im UL muss keiner bezahlen. Und um ehrlich zu sein. … eine Frage wegen einer Funktion bei einem Gerät muss nicht gleich heißen, dass es nicht im Laden ausgestellt wird. Viele Leute fragen bei Geräten nach, wie es funktioniert.
    Lg
    agatha

  • admin

    Hallo Agatha,

    zuvorderst: Dass mit Hilsgütern aller Art immer auch ein Geschäft gemacht wird, ist zweifelsohne wahr. Ich wüsste leider auch nicht, was man effektiv dagegen unternehmen könnte – wir werden solche „Auswüchse“ in kapitalistischen Wirtschaftssystemen wohl immer erleben müssen, das ist der Sache inhärent.

    Von den von Ihnen getroffenen Anwürfen gegen das Rote Kreuz distanziere ich mich hier ausdrücklich! Mir ist das nicht bekannt, und sollte diese Behauptung hier unwidersprochen stehen bleiben, wäre das, was Sie sagen, zu beweisen – den Beweis sehe ich nicht – es ist ein bloße Behauptung.

    Aber: Selbst wenn das bei den Gebrauchtkaufhäusern von Rotkreuz und Diakonie so laufen würde, dass die Sachen hier billig angekauft und im Ausland gewinnbringend weiterverkauft werden, was im Einzelfall sogar vorstellbar ist, so hat der Umsonstladen ja trotzdem nicht die Gewähr, dass mit seinen Sachen nicht ähnlich verfahren wird (selbst wenn ich nur drei Dinge nehmen darf, dann schicke ich zehn Leute…). Wer will verhindern, dass ich die im Umsonstladen genommenen Sachen nict irgendwo weiterverhökere?

    Das Ergebnis indes wäre ja das selbe: Ich hatte bei meinem damaligen Besuch des Umsonstladens das Gefühl, dass die wertvolleren oder besser erhaltenen Gegenstände vorab herausgepickt wurden und nicht in den Präsentationsraum gelangen. Ein erneuter (s.o.) Besuch konnte den Verdacht in diesem Fall erhärten. Wie das mittlerweile läuft, weiß ich nicht. Sollten bei anderen Gebrauchtkaufhäusern Sachen ebenfalls vorher entnommen werden, wie Sie unterstellen, so wäre das Ergebnis im Kern dasselbe.

    Zum BRK in Nürnberg und den Kosten der Kleider: Wir haben das, was das BRK in der Bayreuther Str. macht, als anständig und zweckdienlich empfunden. Ja, die Kleidung kostet in der Tat ein paar Euro – allerdings ist sie dort sauber, nach Art und Größe sortiert/aufgehängt und der Raum ist ordentlich und wird
    aufgeräumt und gepflegt. Das Geld, das für die Kleidung verlangt wird, ist aus meiner Sicht so bemessen, dass auch Menschen, die nur sehr wenig Geld haben, sich die Sachen in einem wirklich angemessenen Umfang leisten können.
    Beim Umsonstladen sah das seiner Zeit ganz anders aus: Schmutzige Kleidung, geknüllt auf einem Haufen in einem unangenehm riechenden Raum ohne Möglichkeit zur Anprobe. Da frage ich mich: Was hilft am Ende des Tages den Bedürftigen mehr?

    Zum „Elektrogerät“: Bitte lesen Sie den entsprechenden Abschnitt nochmal, es geht mir hier wirklich nicht um die technischen Funktion, sondern um das Wegsortieren, ich könnte es auch „vorenthalten“ nennen.

    Zu Guter Letzt: Sollten sich die Zustände im Umsonstladen mittlerweile gebessert haben, so würde mich das freuen. Ich war seither nicht mehr dort und habe seither auch in den Medien nichts mehr davon gelesen oder gehört.

    Weiterhin: Ich freue mich über jeden Kommentar und versuche auch, nichts wegzuzensieren. Die Anwürfe, die Sie im letzten Kommentar erheben, sind allerdings so gewichtig, dass ich sie (bis zum Beweis, der mich wirklich sehr interessieren würde) hier nicht unwidersprochen stehen lassen kann.

  • Agatha

    Hallo,
    von mir aus, müssen Sie das was ich geschrieben habe, nicht stehen lassen.
    Aber ich kann meine Behauptungen mit gutem Gewissen vertreten, da ich es selbst mit erlebt habe.
    Mir liegen aber keine Bilder und keine sonstige Aufnahmen vor.
    Ich wollte nur mal für bisschen Klarheit sorgen.

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