blog.fohrn.com

Social Media Berater. Keine Satire.

Oh wie habe ich den ganzen, sich immer wiederholenden Zirkus gefressen! Ich hätte gerne ein T-Shirt auf dem steht: „Du bist selbstständig? Du bietest Webdesign, ein Lektorat, bist Social Media Beater, Onlinejournalist, Texter, Eventplaner, twozero-Coach und Twitter-Trainer, Headhunter und Trendscout in Personalunion? Verpiss Dich!“ Leider ist dieser Riemen nicht sinnvoll auf einer T-Shirtseite unterzukriegen. Analoge Informatiosträger sind sooo 90s, würdest Du mit vorwurfsvollem Anklang in der Stimme sagen.

Ich lade Dich ein – zum Meeting. Meeten kann man sich mit Dir aber nicht, denn Du kommst notorisch zu spät. Du willst auch nicht meeten, Du willst brainstormen. Das erste Treffen ist kostenlos, denn Du möchtest mich nicht ausnehmen – im Gegenteil – Du verkaufst mir nur, was ich auch wirklich brauche. Und unser erstes Treffen ist natürlich kostenlos – Du magst ja kein namedropping – Du willst mich von den Qualitäten Deiner ganzheitlichen und umfaassenden Dienstleistungen überzeugen. In Wahrheit hast Du aber einfach keine Referenzen, die über Lin-Congs Naildesign und stutentrockenmilchpulverdirektversand24.biz hinausreichen.

Im Wesentlichen reitest Du ein Pferd, das habe ich mittlerweile mitbekommen: Content is king! Dieses Credo wiederholst Du gebetsmühlenartig. Und weil der contennt king ist, muss er auf allen verfügbaren channels verbreitet werden, laberst Du. Vor zwei Jahren hattest Du einen einfachen Job, Du erstelltest Deinen Beratungsopfern Twitter-Accounts. Heute überzeugst Du Deine Opfer von facebook. Denn: Nur auf facebook erreichen Sie mit wenigen Klicks fünfhundert Millionen potenzielle Kunden! Wie meinen?

Ich schaue Dich zweifelnd an. Du schaust mich an.

Obwohl man lange laufen muss, um an einen so sozial inkompetenten Menschen wie Dich zu geraten, hast Du einen lichten Moment. Du merkst, dass ich beginne, Dir nicht zu glauben. Schnell legst Du nach: Haben Sie keine Angst vor social network und social media. Das ist nur die typische the german angst. Das vergeht. Ich ringe nach Luft und vergesse dabei ganz, dass ich Dir gerne aufs Maul hauen würde.

Du legst nach: Heute kann es sich niemand – ja, ich sages es laut und deutlich! Niemand! – mehr leisten, vor social network Angst zu haben. Wer Angst vor social network hat, hat Angst vor seinen Kunden! In Deinen Brustton der Überzeugung mischt sich ein leises Tremolo der Unsicherheit, als Du versucht, Deine nun zwingend folgen müssende rhetorische Frage zu platzieren: Sie haben doch keine Anst vor Ihren Kunden, ein Mann wie Sie doch nicht?

Du kumpelst mich an – ich muss mich zusammennehmen, um nicht zu kotzen. Ich schlucke mit Mühe einen Anflug erster Brocken hinunter und beschließe, erst dann dem Deiner Erscheinung geschuldeten Reflux nachzugeben, wenn Du wieder bei der Verwendung des Wortes social network alle Regeln der deutschen, denglischen oder englischen Grammatik brichst. Du enttäuschst mich nicht – nach zwei Sätzen ist es soweit. Dein Glück, dass Kaffee in solchen Momenten ein guter Antagonist gegen geschwafelinduzierten Brechreiz ist – ich hätte Dich sonst glatt vollgegöbelt.

Du bist einer der Typen, von denen man sich fernhalten sollte. Nach dem Abitur, dass Du nur knapp bestanden hast, war Dir langweilig. Der Zivi war Dir zu stressig – auf „psychische Belastungen“ hast Du Dich krankschreiben lassen – nach drei Monaten. Nicht dass Du krank gewesen wärest, wirklich nicht. Dann hast Du den Rest der Zivizeit daheim gegammelt. Weil Dir langweilig war, bist Du mit Deinem Windows-98-PC ins Internet – um das Jahr 1999 oder 2000 dürfte das gewesen sein. Es war eine tolle und wilde Zeit – die Zeit des big business, die Zeit der new economy. Kim Schmitz und seine Firma kimvestor haben es Dir besonders angetan in diesen Tagen – er war für Dich ein Held. Du hattest erkannt, dass hinter seiner business strategy nicht viel steckt, doch Du warst voller Bewunderung: Mit etwas Bauernschläue und einem Produkt, dass man noch gar nicht hat, so viel Geld verdienen, dass man irgendwann in der Lage ist, das Produkt nachzureichen, wenn einem danach ist. Und dann diese viele publicity. Toll! Dies war der Zeitpunkt, an dem Du beschlossen hast, Entrepreneur zu werden. Ein erster Schritt dazu: Frank Wenniger (Name vom Admin geändert) liest sich nicht gut, so dachtest Du – und fortan zeichnetest Du nur noch als kein Geringerer als Frank P. Wenniger (dass Dir Dein verhasster zweiter Vorname Peter, den Dir deine Eltern als Reminiszenz an den gleichheißenden und viel zu früh dahingeschiedenen Onkel Peter gegeben haben, noch einmal nützlich werden könnte, hättest Du selbst nicht geglaubt).

Und nun sitzt Du vor mir in Deiner etwas zu billigen Jeans im used-look. Dein Hemd ist nicht gebügelt, Du bügelst Deine Hemden nie, denn das ist Dein statement. Deine Krawatte – im Retro-Design einer 1970er Space-Age-Tapete – hängt nachlässig gebunden traurig von Deinem Kragen, dessen Knopf Du um nichts in der Welt schließen würdest. Dass nachlässig nicht mit lässig (einem Deiner Lieblingsworte, wenn Du wieder zu kumpeln versuchst) gleichzusetzen ist, versuche ich erst gar nicht, Dir zu erklären. Du trägst diese dicke schwarze Nerd-Brille. Sie ist zu ausladend für Dein schmales, weißes Gesicht, sie steht Dir nicht. Vor einigen Jahren sah ich Dich schon einmal, da hattest Du so ein randloses Modell, wie es damals modern gewesen sein mag. Es stand Dir auch nicht richtig – aber immerhin besser als der viel zu große Nerdbalken, der Dir nun ständig von der Nase rutschen will. Trendy.

Hören Sie mir überhaupt zu? Du quietschst zu laut. Und zu schrill.

„Selbstverständlich!“ lüge ich, „Wenn Die Gedanken fließen, soll man nicht unterbrechen. Fahren Sie fort.“

Nachdem Du die Zeit des Zivis also daheim abgegammelt hattest, wurde es Dir dort zu eng – schließlich pflegte Deine Mutter, Dich regelmäßig um 9 Uhr 30 zu wecken. Und so reifte der Entschluss, in einer fremden Stadt zu studieren. So kamst Du bequem und ohne große Diskussionen von zuhause weg. Ja, Informatik hättest Du gerne studiert – Hacker wärest Du gerne geworden, so wie Kimble – aber selbst die kleine Uni in der niedersächsischen Provinz hatte einen so hohen numerus clausus, dass Du wohl bis an Dein Lebensende Wartsemester hättest abchillen müssen. Du wolltest aber weg von daheim. Und so wurde es dann das Studienfach Wirtschaftsinformatik – ohne NC – und ein bisschen business machen und ein bisschen hacken, was sollte daran schon so schwer sein? Um es abzukürzen: Nach dem zweiten Semester war Schluss, denn wer zu allen Prüfungen antritt, ohne irgendetwas gelernt zu haben und wer dann folgerichtig durch alle diese Prüfungen rasselt, ist draußen aus der Nummer. Du versuchtest, auf Kommunikatioswissenschaft umzusatteln. Und weil Dir ein hübsches Mädchen, das ein Buch mit dem Titel „Zeitungswissenschaften“ mit in die Mensa genommen hatte, auffiel, wurde es im Zweitfach Publizistik. Nach weiteren zwei Semestern (und ohne Zeitungswissenschaften-Mädchen) war dannn auch dieser Exkurs beendet.

Dann unternahmst Du einen weiteren Exkurs – schließlich musste Geld her. In der Fußgängerzone sprach dich ein Typ an, der sehr lässig war. Gut gekleidet, mit Anzug – aber stylishen Sneakers und natürlich Sonnenbrille. Der quatsche Dich an – einfach so! Sehr gute und für den Kunden lukrative Vermögensprodukte solltest Du verkaufen. Deine Beratung kostet den Kunden nichts – Du würdest ein „seriöser“ Berater werden. Ob Deine Beratung den Kunden wirklich nichts koste?, fragtest Du. Wie Du denn dann Geld verdienen würdest? Der smarte Typ erkläre Dir, dass Du Deine Kunden nur um eine kleine Gefälligkeit bitten müsstest: Jeder, der von Dir beraten werde, müsse Dir nur drei weitere Personen nennen, die ebenfalls von Dir beraten werden wollen. Und so hättest Du laufend Kunden. Ganz ohne Akquise. Und super Finanzprodukte, von denen jeder, aber auch wirkolich jeder nur profitieren könne. Und wenn Du das schaffen würdest, dann würde Dir ein super Festgehalt und eine satte Provision winken. Saugeil dachtest Du, weil Du ein Depp bist.

Du wähltest Dir die Finger wund. Freunde hast Du angerufen und „Freunde“, zu denen Du seit dem Verlassen der Grundschule keinen Kontakt mehr hattest. Und weil das business nicht so richtig rocken wollte, telefoniertest Du auch die Verwandschaft bis zum fünften oder sechsten Grad ab. Das Ding mit dem Schneeballsystem landete schnell vor Gericht. Es wurde nur deshalb eine Bewährungsstrafe, weil Du auf der Anklagebank wie ein geprügelter Hund gewinselt hast.

Du hast gechillt. Dein Bewährungshelfer sagte Dir, dass Du Dich nach einem Job umsehen sollst. Zum Semelverkaufen in der Bäckerei hattest Du zwar nicht wirklich Bock, denn Semmeln rulen nicht – aber vierhundert Euro waren Dir sicher.

Heute – wenn Deine Auftragslage mal wieder dünn ist, Du nicht gebucht bist, würdest Du gerne wieder Semmeln verkaufen. Dann wärest Du nicht so pleite und müsstest nicht den Rest des Monats Tütensuppen und Spirelli mit Marmelade oder Senf (je nachdem, was der Kühlschrank noch so hergibt) essen. Doch das geht ja genau gar nicht, denn wenn Dich Deine Kunden sehen würden, wie Du ihnen ein Stück Schwarzwälder auf einem Pappteller in dünnes Papier einschlagen würdest – Deine credibility und reptation als Scocil Media Berater wäre auf level zero. Aber diese vierhundert Steine – das wäre die Leasingrate für Deinen Einser BMW und ein Teil der Monatsrate für den New MINI, der mal Dir hätte gehören sollen, den Dir die Bank schon längst wieder abgeknöpft hat. Und wenn Du jetzt bei mir keinen fetten Auftrag, kein Geld klarmachst, sperrt Dir die Telekom bald Dein iPhone. Dann kommst Du gar nicht mehr ins Internet. Fuck.

Follower, friends und Fans sind Ihre earnings von tomorrow – und damit machen wir bald weiter – damit Ihre business excellence untoppbar wird.

Ich werde von diesem Satz, der an Schwachsinnigkeit untoppbar ist, unsanft ins Hier und Jetzt katapulitert – in den Konferenzraum an den hübschen Eichentisch, auf dem Du Idiot massig Papier ausgestreut hast. Der letzte Tropfen Kaffe in meiner Tasse ist längst eingetrocknet.

Wann komme ich wieder? fragst Du mich. „Nach Deiner Reinkarnation, vermutlich.“ antworte ich. Du hast noch nicht einmal das verstanden und flötest: Also dann komme ich nächsten Mittwoch wieder um fünfzehn Uhr dreißig. Ich werfe Dich raus, Du guckst dabei sogar noch ungläubig. Du bist Social Media Berater.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.