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Einwurf: Die Krankschreibung ab dem ersten Tag führt zu mehr Krankheitstagen

Mitunter ringe auch ich um Worte. Angesichts der neuen „Reform“-Shitshow, die unsere Bundesregierung gerade abliefert, ist das gegenwärtig der Fall. Der neueste Schildbürgerstreich der Koalition: Arbeitnehmer sollen bei Krankheit bereits ab dem ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung beim Arbeitgeber vorlegen müssen, die telefonische Krankschreibung soll im gleichen Zug abgeschafft werden. Man kann diese schiere Dummheit kaum fassen.

Beide „Maßnahmen“ sind augenscheinlich Unsinn und ungeeignet, mehr Krankheitstage zu verhindern: Wer die Kranken ab Tag eins in die ohnehin berstend vollen Wartezimmer schickt, fördert nicht nur iatrogene Krankheitsverbreitung (der Patient mit grippalem Infekt steckt im Wartezimmer gleich noch drei andere an, der mit akuter Magen-Darm-Grippe, der mehrmals die Toilette aufsuchen muss, steckt auch noch den Arbeitnehmer an, der nur kurz vor Dienstbeginn lediglich eine Laborkontrolle braucht…), er fördert auch den Präsentismus: Menschen, die trotz Krankheit zur Arbeit gehen, erzeugen in aller Rehel wesentlich höhere Kosten als jene, die ihre Krankheit auskurieren und dann wieder gesund und leistungsfähig an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Als Patient kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass viele Ärzte bei „trivialen“ Infektionen mit persönlichem Arzt-Patienten-Kontakt eher länger krankschreiben, als es die in ihrem Umfang ja gedeckelte telefonische Krankschreibung zugelassen hätte. Zudem überlegt sich der Patient, ob er sagt, der Arzt möge ihn nur wenige Tage krankschreiben, und, sollte die Erkrankung wider Erwarten nicht abgeklungen sein, er sich ja noch einmal telefonisch melden könne.

Die absolute Mehrheit der Arbeitnehmer ist pflichtbewusst und geht eher mit Symptomen zur Arbeit, als sich krankschreiben zu lassen. Anders ausgedrückt: Die Mehrheit, das ist wissenschaftlich sicher belegt, hat einen triftigen Grund bei Krankschreibung. Die Bundesregierung führt an, die Krankheitstage seien in ihrer Summe angestiegen. Das mag dem einfältigen Betrachter uninterpretierter Zahlen so vorkommen, bildet aber nicht die Realität ab:

Erkältungswellen und rein technische Gründe sind die wichtigsten Ursachen des sprunghaften Anstiegs des Krankenstandes. Keine Rolle spielt hingegen die telefonische Krankschreibung oder vermehrtes „Blaumachen“. (Quelle)

Die elektronische Übermittlung der AU führte zu einem sprunghaften Anstieg der Zahlen, vorher wurden etliche Krankschreibungen einfach nicht gemeldet, obschon sie existierten. Das ist bekannt.

Die negativen Folgen der Reform: ein bürokratischer Mehraufwand für die durch die Einführung der nutzlosen eGK eh schon zeitlich gebeutelten Ärzte und überfüllte Wartezimmer, Kranke, die sich in der Akutphase aus dem Haus schleppen müssen und auf dem Weg zur Arztpraxis in der Straßenbahn noch viele weitere Leute anstecken, längere Krankschreibungen.

Eines muss klar sein: Mit dieser „Reform“ werden die Krankentage ein weiteres Mal signifikant ansteigen. Denn wer sich bislang für einen oder zwei Tage bei seinem Chef krankmeldete, und dann wieder an den Arbeitsplatz zurückkehrte, war bislang statistisch nicht erfasst. Mit der Krankschreibung ab dem ersten Tag passiert genau das.

Es ist ja nicht nur so, dass unsere Bundesregierung alle Arbeitnehmer in den Generalverdacht der Balanmacherei stellt; mit der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung stellt sie auch die Ärztinnen und Ärzte unter Generalverdacht, nicht in der Lage zu sein, ausreichend prüfen zu können, ob ein Patient aufgrund von Krankheit arbeitsfähig ist oder nicht. Schwerer beleidigen kann man zwei echte Leistungsträgergruppen unserer Gesellschaft eigentlich nicht. Die, die den Reichtum dieses Landes erarbeiten, ohne daran in gerechtem Maße teilzuhaben, und die, die sich an vorderster Front um die Versorgung und Therapie der Kranken kümmern. Ich bin schier betroffen und entsetzt, mit welcher Taktlosigkeit, bar jeden Wissens, völlig befreit von jeder Intuition und meilenweit entfernt von jedem menschlichen und politischen Anstand Merz die Menschen in diesem Land, denen er eigentlich dienen sollte, mal um mal schlimmer brüskiert.

Ich wiederhole es noch einmal: Mit dieser „Reform“ werden die Krankentage ein weiteres Mal signifikant ansteigen. Was wird dann passieren? Dann wird Merz die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall schleifen, mit Verweis auf die gestiegenen Zahlen. Das hat Merz schon lange vor, auch die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ist ein von ihm seit Langem forciertes Projekt.

Dass wir von Friedrich Merz nichts, aber auch gar nichts zu erwarten haben, ist nichts Neues. Keine seiner Entscheidungen hat je zu einer Verbesserung geführt. Er ist nicht nur der unbeliebteste Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik, er ist ganz offensichtlich weder fachlich noch charakterlich zur Amtsführung geeignet. Wir alle wissen das, wir alle schämen uns für diesen Kanzler. Mit hoher Wahrscheinlichkeit führt Merz nun das aus, wozu ihn Döpfner gedrängt haben könnte: die Vorbereitung einer Zusammenarbeit mit der AfD. Das alles war und ist bekannt, war und ist absehbar. Es gibt in diesem bösen Spiel aber noch einen zweiten Player, die SPD. Die macht völlig willen- und rückgratlos mit, lässt sich am Nasenring in der Manege durch den Kakao ziehen, den sie dann, frei nach Kästner, coram publico repulicae lautstark und in großen Schlucken mit offensichtlichem Genuss zu trinken pflegt. Mit sozialdemokratischer Politik hat das nichts mehr zu tun, und es wollte mich nicht wundern, wenn sie diese Manöver politisch auch nicht überlebt. Sie hat aber auch wirklich alles in ihrer Macht Stehende getan, sich verzichtbar zu machen, das merken inzwischen auch langjährig unbeirrbar-unerschrockene SPD-Wähler.

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