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Studentenproteste? Bildungsstreik?

Vorweg: Das Ding mit dem Bologna-Prozess ist ja mächtig in die Hose gegangen! Ich habe noch mein Diplom – ich werde kein Master und ich will Dr. werden und nicht PhD! Denn das Elend mit der ursprünglich angedachten konsekutiven Studiengängen ist: Im Grunde wird ein vollwertiges Studium so weit eingedampft, dass im besten Falle ein Wissensskelett übrig bleibt, wirklich „Fleisch“ haftet der Sache nicht mehr an. Wer auf den Bachelor noch den Master sattelt, hat auch nicht Gewissheit, dass sich hier etwas bessert. Oder etwas radikaler: Das Humboldtsche Bildungsideal ist hier in den Arsch gegangen und kommt da wohl auch nicht so schnell wieder raus.

Was ist passiert, dass ich mich so überdeutlich äußere? Ich will ein Erlebnis voranstellen: Im letzten Jahr habe ich, in Weiterentwicklung einer hochschuldidaktischen Methode, eine Zeit mit Studierenden verbracht im Bachelor-Studiengang Sozialarbeit und ein Soziologie-Seminar mitgestaltet. Die Studieenden waren im sechsten Semester. Frohen Mutes legte ich los und blickte nach einem kurzen tagespolitischen Input, also zu einem Zeitpunkt, als es anfing (sic!), sich überhaupt um soziologische Grundbegriffe zu drehen, in immer verständnislosere Gesichter. Irgendwann kam mir die Sache komisch vor, hatte ich doch bereits zum Thema Armut mit einem ND-Artikel polarisiert bzw. provoziert und anderes unternommen, um in eine Plenumsdiskussion zu kommen. Ich fragte nach dem Problem, die Antwort war erschütternd: Die angehenden Sozialarbeiter hatten keine (!) einzige (!!) Soziologievorlesung genossen, die Veranstaltung „Armut in Deutschland“ war ersatzlos gestrichen und auch die politikwissenschaftliche Grundlagenvorlesung ging beim Umstellungsprozess auf „Bologna“ vollends über die Wupper. Da könnt Ihr Euch nicht nur vorstellen, wie dumm ich geschaut habe, sondern auch, wie sehr ich ins Schwimmen kam. Und nicht nur ich – das wäre je verkraftbar – sondern insbesondere die Studenten.

Hier offenbart sich die Löchrigkeit des ganzen Systems: Inzwischen dürften Sozialarbeiter ihre Stellen angetreten sein, die keine Grundlagen in Soziologie, Politologie, Armutsforschung etc. mitbekommen haben, aber einen Text über kommunalpolitische Strukturen zu lesen bekamen. Tolle Wurst.

Nach etlichen Gesprächen mit Lehrenden muss ich feststellen, dass sich bis heute daran nur marginal etwas änderte. Dabei steht, gemäß Interview im ND von heute mit dem GEW-Vorstandsmitglied Andreas Keller, zum einen nirgendwo, dass eine Verkürzung der Bachelor-Studiengänge sein muss und zum anderen der Bologna-Prozess für die GEW nicht zu Debatte.

Im Prinzip hat Kollege Keller ganz Recht: Es ist niemand gezwungen, Bachelor-Studiengänge auf zwei Semester zu kürzen – aber die Realität fordert dies ein – wissen wir doch, dass der Bachelor von der Wertigkeit auf dem Arbeitsmarkt deutlich unter dem Diplom liegt, der Master etwas darüber. Ich spreche berufsbedingt täglich mehrmals mit Personalern – und wenn das Gespräch bei Recruitern auf Diplom bzw. Bachelor kommt, geben die meisten unumwunden zu, den Diplomierten den Vorzug zu geben – aufgrund der besseren Ausbildung. Und manch einer gibt leise und verschämt zu, dass es ja im Prinzip die Industrie war, die von den (Fach)Hochschulen für die Praxis besser und schneller qualifizierte Abgänger haben wollte und die jetzt irgendwie doch nicht mehr will. Schöne Scheiße!

Da schwillt den Studenten natürlich der Kamm, denn sie haben inzwischen auf ganzer Linie verloren: Sie zahlen Studiengebühren, erhalten aber keine Verbesserung der Lehre. Der Leistungsdruck steigt, sie sind aber schlechter ausgebildet (die eigene Entwicklung, Herausbildung persönlicher Schwerpunkte, eigenverantwortliche Studien- und Karriereplanung tritt in den Hintergrund, das kommt zu guten Teilen eher einer Ausbildung denn einem Studium nahe, mit dem Unterschied, dass diese „Ausbildung“ mit eingedampften Praxiszeiten zurechtkommen muss). Und das um Willen einer immer noch recht zweifelhaften europäischen Vergleichbarkeit der Abschlüsse? Hier mag mancher (mit Recht!) argumentieren, dass eine Vergleichbarkeit der Abschlüsse in Europa ja schon zu Zeiten des Lissabon-Abkommens möglich war und die nun hinzunehmenden Verschlechterungen kein Preis für eine „bessere Vergleichbarkeit“ sind.

Und dann der Scheiß mit den ECTS! Ich bin doch nicht Super-Mario, der seine Grabschepfoten langmachen muss, um irgendwelche Punkte einzusacken! Welches Bild vom Studium haben denn bitte die, die sich diesen Blödsinn ausgedacht haben! Mit Scheinen, mit Arbeiten Wissen nachweisen und dieses anständig belegen können? Bei den ECTS geht es, wie bei Super-Mario nicht um echte Leistungsnachweise. Das Spiel beginnt mit Studienbeginn, es gilt, in möglichst kurzer Zeit, möglichst viele ECTS einzuklauben und das nächste Level, das Master-Level mit 240 Goldringen ECTS zu erreichen. Das Spiel ist dann nach weiteren 90 bis 100 ECTS zu Ende, es sei denn, man geht mit vielen Dollars, Pilzen, Krönchen und Beam Power in die PhD-Bonusrunde. Man hätte den Leuten in der KMK und den anderen, die uns diese Bologna-Spaghetti á la Mario & Luigi eingebrockt haben, einfach früher das NES wegnehmen sollen (nicht auszudenken, was aus unseren Studiengängen geworden wäre, wenn die Killerspiele gezockt hätten {zyn-mode off}).

Mich wundern die derzeitigen Studentenproteste nicht, was können die Studis schon verlieren?

Erhalten die Studierenden nun aber Rückhalt aus der Politik? Ich meine: Nein. Wir haben es 1997 und 2005 bereits gesehen: Wann immer sich ein Studentenprotest formiert, pflichten die Politiker den Forderungen der Studis bei und stecken dann bis auf Weiteres den Kopf in den Sand. Die Angst, klare Positionen zu beziehen und dadurch Gefahr zu laufen, von den Studierenden durchaus öffentlichkeitswirksam den Kopf gewaschen zu bekommen scheint hier gerade im Kontext von ´68 zu tief zu sitzen.

Auf die Politik ist kein Verlass: Der Bildungsstreik muss weh tun – nur wem schadet er wirklich? Die Hochschulrektoren, Dekane und Präsidenten können den Streik in aller Ruhe aussitzen, es ist ja nicht ihr Semester, dass da über den Jordan geht. Ein Studiengebühren-Zahlungsboykott wäre da viel effektiver: Wenn eine Uni 90% der Erstsemester wegen Nichtzahlung und damit nicht erfolgter Rückmeldung exmatrikulieren müsste, würden die sich die Damen und Herren in Lehre und Verwaltung schon bewegen. Diesen Mumm allerdings bringen dann selbst die mutigen Studenten nicht auf. Und so steht der Mannifestation von Bologna und all seiner Nachteile auch nichts Wesentliches im Weg (Schwarz-Gelb im Übrigen überhaupt nicht).

SPD-Parteitag

Gestern hatte ich die seltene Gelegenheit, einmal nachmittags fernzusehen (das kommt – arbeitsbedingt – nicht oft vor). Und ich habe mir tatsächlich den SPD-Parteitag in Dresden, übertragen auf Phoenix, angesehen. Gut, von sehen kann nicht die Rede sein, ich hab´ ihn mir eher im Fernsehen angehört und meine Ablage erledigt – aber hinsehen musste ich schon immer wieder.

Ich habe erwartet, dass der Parteitag einen Raum zum Wunden lecken nach der Wahlschlappe bietet, und im Prinzip ist es auch so gekommen – aber irgendwie hinterließ die gestrige Veranstaltung doch eher ein mulmiges Gefühl.

In etlichen Redebeiträgen der Aussprache wurde Münte bedankt und Münte attackiert – beides zugleich und, das gibt Hoffnung, beides recht offen. Die Delegierten haben sich selbst wenig zensiert. Wichtige Impulses (ich kann sie jetzt nicht einzelnen Rednern exakt zuordnen, die Tagesordunung auf der SPD-Seite verzeichnet die jeweiligen Redner nicht – und namentlich merken konnte ich sie mir auch nicht):

  • Die Sozn an der Basis schäumen scheinbar immer noch vor Wut: Über die Rente mit 67 und Hartz IV. Ich bin froh, dass man diese eklatanten Fehler erkannt hat und offen anspricht. Wie diese Fehler aber rückgängig gemacht werden könnten, dazu wurde kein (sic!) Wort verloren. Das ist der erste und maßgebliche Grund für mein mulmiges Gefühl: Mir scheint, als mache man sich Luft über die Hartz IV und der Rente mit 67 inhärenten Ungerechtigkeit und habe diese dennoch als unabänderlich stillschweigend akzeptiert. Wenn dem so ist, dann hat die SPD aus sich heraus keine Chance, ihre Krise zu meistern. Dann bleibt ihre einzige Chance, darauf zu vertrauen, dass es CDU und FDP noch schlechter machen (wovon ausgegangen werden darf). Aber ob es genügt, unter den Blinden der Einäugige König zu sein?
  • Im Interview war ich insbesondere von Hans-Jochen Vogel enttäuscht, der die Fehler der SPD in der jüngeren Vergangenheit herunterspielte und den Fokus auf „Kommunikationsprobleme“ lenkte. Ich persönlich finde, dass das der Sache nicht gerecht wird.
  • In der Aussprache wurde von einem Redner der Wunsch artikuliert, den Jusos mehr und besser zuzuhören, da diese nicht die „Spielwiese der SPD“ seien sondern ein wichtiges Frühwarninstrument nd Indikator wichtiger gesellschaftlicher Themen. Stimmt das? Ich müsste wie das sprichwörtliche Radio Jerewan antworten: „Im Prinzip ja“. In puncto Freiheitsrechte im Internet waren es in der Tat die Jusos, die diesen Impuls in die Partei trugen. Sie waren damit aber reichlich spät dran, wir erinnern uns: Bedeutung und Wichtigkeit des Themas erkannten sie erst , als ihnen Tauss davonlief. Und da war das Thema bereits erfolgreich von der Piratenpartei besetzt. Wenn der Hund nicht geschissen hätte, hätte er den Hasen erwischt…
  • …dabei darf auch nicht verkannt werden, dass neben Sinnvollem gerade von Seiten der Jusos in der letzten Zeit auch viel Unsinn verzapft wurde. Sie sprechen sich gegen den Kriegseinsatz in Afghanistan, Rente mit 67 und Hartz IV aus – Lösungsvorschläge sucht man bei den Jusos ebenso vergeblich wie bei den Alten. Ich habe in Anbetracht dieser Erfahrungen wenig Vertrauen in die Innovationskraft der Jusos.
  • Weiterhin wurde die Entfernung von der Basis festgestellt und ebenso, dass es auch und im Besonderen an der Sprache liege. Dem Arbeiter, der mit dem Schweißkoffer durch enge Schächte kriechen müsse und der sich vor der Rente mit 67 ob der realistischen Einschätzung seiner endlichen körperlichen Kräfte ängstige, könne nicht mit Charts und Slides geantwortet werden. Hier offenbart sich die verkorkste Denke: Nicht die Präsentation der Gründe für die Rente mit 67 sind hier das Problem sondern die Rente mit 67 an sich ist das Problem! Ein Übersetzen der Slides und Charts in Gemeinsprache ist keine Lösung! Die Rückgängigmachung der Rente mit 67 ist die Lösung.

Und dann die personelle n Entscheidungen: Über den neuen Parteichef Gabriel lasse ich mich erst aus, wenn er wieder in ein Fettnäpfchen getappt ist. Das kann ich abwarten. Und Nahles als Generalsekretärin? Oh Gott! Wann wird die SPD es endlich schaffen, sich von diesem Weib zu emanzipieren??

Der Parteitag gestern bot ein notwendiges Ventil zum Herumfrusten. Richtungsweisendes suchte man gestern vergeblich. Insbesondere die Frage einer zukünftigen Öffnung in Richtung der Linken wurde ium besten Falle gestreift. Aber genau dies ist die zukunftsentscheidende Frage der SPD. Nur: Sie kapiert es leider recht zögerlich.

Es gibt z diesem Thema übrigens von Seiten der Springerpresse noch ein lustiges Scholion: Nahdem die Sozn auf ihrem Parteitag rumfrusten durften, gibt die „Welt“ online auch ihren Lesern dazu die Gelegenheit:

Jetzt warten wir mal zu, was der Parteitag heute noch so bringt. Ich denke nicht, dass viel Neues oder gar revolutionäres passiert…

20 Jahre Mauerfall: Hartz IV regionalisieren

Immer wenn irgend etwas in Deutschland passiert oder gefeiert wird, was auch nur im entferntesten mit Wirtschaft zu tun hat oder haben könnte, darf man sich sicher sein, dass der dämliche Zickenbart vom Ifo-Institut Hans-Werner Sinn wieder irgendwas mitzuschnacken hat.

Was will er heute, zum zwanzigjährigen Jubiläum des Mauerfalls wieder von uns? Er will die Hartz IV-Sätze „regionalisieren“.

Im Prinzip – so möchte man me9inen, wäre das noch nicht einmal schlecht, würde der Hartz IV – Regelsatz in besonders teuren Gegenden aufgestockt werden. Er deckt, wer rechnen kann, weiß das, selbst in Regionen nicht die Lebenshaltungskosten, denn Hartz IV bedeutet Armut.

Dass ist – wen nimmt es Wunder –  aber nicht das Ansinnen Sinns. Vielmehr geht es Sinn darum, die Armen noch ärmer zu machen:

Seine „Ideen“, publiziert in der FTD und vom Spiegel wacker aufgegriffen, zielen natürlich nicht auf eine Erhöhung der Regelsatzes sondern auf dessen Kürzung in strukturschwachen Regionen. Mit Sinns Worten bedeutet das, dass die Regelsätze „regionalisiert und an das Preisniveau vor Ort angepasst werden“ müssten.

Und er wird hierbei noch konkreter (und in diesem Zitat spiegelt sich der Abgrund wieder, der sich da auftut):

Es kann nicht sein, dass der Hartz-IV-Empfänger in Ostberlin dasselbe kriegt wie der in Hoyerswerda, obwohl er in Berlin mehr für die Lebenshaltung bezahlen muss.

Kann es nicht? Doch, kann es schon. Denn eine Senkung des Regelsatzes in strukturschwachen Regionen macht genau was? Richtig, es schwächt die Struktur. Wenn dann die öffentlichen Kassen klamm sind, kann man den Regelsatz ja nochmal senken und die Struktur weiter schwächen und die öffentlichen Kassen noch klammer werden lassen…

Es bedarf dieses Teufelskreises noch nicht einmal, die einmalige Senkung der Regelsätze hätte schon genug negative Auswirkung. Es ist erschreckend, wie Sinn die deutsche Teilung überwinden will. Und im Spiegel legt er nach:

Die Ostdeutschen sind sich gegenseitig zu teuer.

Und der Spiegel erklärt, was Sinn da orakelt:

Für viele Ost-Unternehmen sei das Lohnniveau zu hoch. Vor allem deshalb gebe es in Ostdeutschland eine deutlich höhere Arbeitslosenquote als im Westen.

Ich kann es immer noch nicht fassen, dass der Spiegel diesen Mann als Top-Ökonom bezeichnet. Man schafft keine blühenden Landschaften durch Verzapfung blühenden Unsinns. Der „Osten“ wurde ausverkauft, der Einigungsprozess ist ein Glücksfall und volkswirtschaftliche Makulatur zugleich.

Das zu begreifen und damit umzugehen (ich spreche hier noch nicht mal vom dringend gebotenen Gegensteuern) ist ein Lernauftrag an alle – nur Sinn ist hier, mal wieder, lern- und beratungsresistent.

Das ganze Elend natürlich auf SPON. (Bildnachweis: Wikipedia, Jan Roeder, CC-BY-SA)
Bildnachweis: CC BY-SA 3.0 Wikipedia/Jan Roeder

Das Ende der Quelle

Das berühmte und einstmals sogar größte Versandhaus Quelle, ein traditionsreiches Unternehmen, befindet sich in Abwicklung – das ist niemandem entgangen. Und Tag für Tag treten neue, hässliche Seiten der Quelle-Pleite zutage. Eine Firmenpleite ist nie ein Spaß – hier wird es aber an ein paar Stellen besonders hässlich:

  • Der Lagerbestand von Quelle wird verscherbelt. Ich kann mir kaum vorstellen, wie elend sich das für all jene anfühlen muss, die nach langer Betriebszugehörigkeit ihren Arbeitsplatz verloren haben. Und es dürfte sich auch nicht wesentlich besser für die anfühlen, die noch nicht gekündigt wurden und den Abverkauf erledigen müssen. Man bringt unters Volk, was man hat – um Gläubiger zu bedienen. Seine Arbeit im Wissen zu tun, nichts Zukunftsträchtiges, nichts im Wesentlichen sinnvolles leisten zu können, ist eine harte Nummer.
  • Und so fühlt sich auch seh komisch an, dass der Server von quelle.de dauerdown zu sein scheint. Rabatte von bis zu 30 Prozent auch Kleidung und bis zu 10 Prozent auf Technik wurden versprochen. Und was machen die Leute? Klicken wir blöd. Zehn Prozent Nachlass auf Technik ist indes ein schlechter Witz – denn die handelt man ohne Stress bei vielen Einzelhändlern heraus. Und zehn Prozent auf den nicht immer wirklich günstigen Katalogpreis ist oft genau so günstig, wie beim Einzelhändler ohne Herunterhandeln. Wer dann Eigenmarken wie „Universum“ oder „Privileg“ kauft – der hat zudem in Sachen Gewährleistung/Garantie keine Chance mehr. Zwar hat man bei diesen Marken wie bei allen anderen auch einen Anspruch auf die gesetzliche Gewährleistung – nur gegen wen wollte man den durchsetzen. Schlussendlich sichert man durch den Einkauf bei Quelle mittelfristig keinen einzigen Arbeitsplatz – und trotzden:
  • Der Server ist unerreichbar – gestern und heute.
  • Gestern hat sich Herr Middelhoff (wer sonst) in der Bild am Sonntag (wo sonst) im Ton vergriffen (was sonst).
  • Auf ein Echo musste man nicht lange warten: Hier ist ein ganz gutes. Und Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil von der FDP (sic!) riet Herrn Middelhoff in der Süddeutschen, „den Mund zu halten“.
  • Über die Auswirkungen für die Menschen und die Region Nürnberg-Fürth muss nicht lang spekuliert werden. Die Arbeitslosigkeiit wird weiter ansteigen. Die Region blutet wirtschaftlich weiter aus. Bei DHL, dem Logistikpartner der Quelle stehen 900 Stellen bundesweit zur Debatte. Aber auch lokale KMUs sind mindestens betroffen.
  • Und so haut es auch bei Atos Origin und Itellium voll rein (600 Arbeitsplätze in Gefahr!).

Gestern war eine nur mäßig kritische aber erschreckend offene Reportage auf Stern TV zu sehen. Was von der Quelle bleint, so der Tenor, wird sich zeigen müssen. Im Prinzip wissen wir schon heute Bescheid: Nicht viel.

Erst kommt HD, dann kommt das große Abkassieren

Die Diskussion über das Geschäftsmodell der privaten Fernsehanstalten ist keineswegs neu und neu ist ebensowenig, dass die privaten Programmanbieter ihre bislang frei empfangbaren Sender gerne via Smartcard verschlüsselt hätten (und dafür eine Gebühr verlangen vollen – „Pay TV“ nennt man dieses „Empfangsmodell“ gemeinhin).

Nun scheint sich dieses Ansinnen aber zu konkretisieren. Das Blog Digitale Linke hat einen, wie ich finde, sehr guten Überblick.

Was aber läuft derzeit so krumm bei RTL, Sat 1 und Konsorten?

Man vergegenwärtige sich zuerst einmal das bisherige Geschäftsmodell der Privatstationen: Das Programm wird immer wieder durch Werbung unterbrochen. Die werbetreibenden Unternehmen zahlen für die Ausstrahlung und davon finanziert der Sender Personal, Einrichtungen, das Programm und die technische Verbreitung. Und ein Gewinn muss natürlich auch übrig bleiben. Vom großen Kuchen der für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingezogenen Gebühren bekommen sie direkt nichts ab – das ist auch ok so. Bislang – den Fernsehsender RTL gibt es schon über 25 Jahre – scheint dieses werbefinanzierte Fernsehen auch Geld verdient zu haben – sonst gäbe es dieses ja nicht. Nun aber bricht ein lautes Gejammer über die Finanzierung des Privatfunks los. Warum? Bekommen diese Sender nicht mehr genug Geld? Scheinbar.

Man kann nur spekulieren, warum das „alte Geschäftsmodell“ nicht mehr so recht funktionieren mag. Einige Gründe liegen auf der Hand (dies ist meine persönliche Analyse und weder sauber belegbar noch vollständig).

Werbung musste der Privatfernsehzuschauer bislang in Kauf nehmen. Man konnte sich dieser nur dann entziehen, wenn man die gewünschte Sendung auf Band aufnahm und bei den mit aufgezeichneten Werbeblöcken das Band vorspulte. In Zeiten von DVD-Festplattenrekordern hat sich daran im Wesentlichen nichts geändert- es ist aber deutlich einfacher geworden: Die einmal einprogrammierte Serie fliegt beispielsweise täglich (in bestechender Bild- und Tonqualität) auf die Festplatte. Die Werbeblöcke werden dann mit 150-facher Geschwindigkeit einfach weggespult (oder besser: Quasi weggedrückt). Das Aufzeichnen erfolgt automatisch und man muss noch nicht einmal von Zeit zu Zeit eine Kassette wechseln. Und diese „Wundergeräte“ sind heute günstiger als ein halbwegs ordentlicher Videorekorder vor fünf Jahren. Wer, bitte wer, der sich so einen Rekorder einmal gekauft hat, sieht noch Werbung?

Mit einem einzigen (sic!) Tastendruck kann ich den laufenden Abendfilm aufzeichnen und ihn während der Aufnahme ansehen, darin herumspulen etc. „Time Shift“ heißt dies Wunderwerk, es gehört zur Grundausstattung dieser Rekorder, ist kinderleicht zu bedienen und wenn ich dem Gerät einen Vorsprung von nur einer Viertelstunde lasse, dann wird mein Spielfilm nicht mehr durch Werbung unterbrochen.

Ich gehe trotzdem nicht davon aus, dass die Intention der Zuschauer bei der Benutzung der Rekorder primär das Wegdrücken von Werbung ist. Vielmehr erlaubt so ein Rekorder ohne großen Aufwand, Sendungen dann zu sehen, wenn man Zeit hat. Das Werbung-Wegdrücken ist ein netter Nebeneffekt. Und wer wollte den nicht nutzen?

Das bekommt natürlich auch die Werbewirtschaft mit – und wer will für Werbung, die mit Gewissheit einen Teil der Zuschauer nicht mehr erreicht – noch hohe Preise zahlen?

Die Alternative aus Sicht des „Verbandes privater Rundfunk- und Telemedien“ ist, die Sender zu verschlüsseln und nur gegen eine Gebühr empfangbar zu machen. Damit das so bezahlte Programm dann nicht aufgezeichnet oder „getimeshifted“ werden kann, soll auch noch ein Kopierschutz auf das Signal aufmoduliert werden.

Double fuck!

Erst soll ich also löhnen, dass ich mir Hochkultur á la „Bauer sucht Frau“, „Big Brother“ oder „Superstar“ reinziehen darf, und dann kann ich das noch nicht einmal mehr aufzeichnen? Ein tolles Geschäftsmodell der Privaten: Die kassieren dann doppelt: Mein Geld für die Smartcard und das Geld der werbenden Wirtschaft. Das haben die sich fein ausgedacht. Nun habe ich aber ernsthaft Zweifel, ob den Privaten dann nicht die Zuschauer davonlaufen. Denn ich will eigentlich nicht mehr als die GEZ-Gebühr Rundfunkgebühr bezahlen. Und viele können das auch nicht. Und: Wo ist der Mehrwert für mich? Was habe ich davon, wenn ich an RTL und Konsorten etwas bezahle und trotzdem Werbung läuft?

Hier will man mir verklickern, dass ich dafür das hochauflösende HD-Fernsehen bekomme – gestochen scharfe Bilder. Ich selbst habe aber gar keinen HD-fähigen Fernseher (ich habe zur Zeit gar keinen Fernseher und wenn ich einen wollte, würde ich mir einen Gebrauchten kaufen – mit Sicherheit einen ohne HD). Und ich kenne genug Leute, die auch keinen High-End-Fernseher haben und mit HD überhaupt nichts anzufangen wissen (und das auch nicht brauchen). All jene und ich können mit diesem Deal also nur verlieren.

Zurück zum Geldbeutel der Privaten: Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass die Webeeinnahmen der Sender auch ohne die segensreichen neuen Rekordertechniken gesunken wären oder sogar gesunken sind. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen immer weniger Geld zur Verfügung haben, wird immer mehr beim Discounter gekauft. Viele wollen das nicht, vielen bleibt letztlich keine andere Wahl. Hier ist Werbung aber eher zweitranging. Aldi hat keine Fernsehwerbung, Plus Netto, Penny, Norma etc. auch nicht. Nur Lidl hat nach Jahren der Abstinenz jetzt Werbespots – aber deren Image ist (mit Recht) auch so beschissen, dass die das wohl brauchen. Und bei den Discountern sind die Markenartikel in der Minderheit – so funktioniert nun mal das Discountprinzip. Rentiert dann Werbung hier langfristig? Das gilt so ziemlich für alle Produktgruppen, wenn man von Banken und Autos absehen möchte. Versteht mich bitte nicht falsch: Ich will hier nicht das „Wozu überhaupt Werbung?“-Fass aufmachen. Ich frage mich nur, ob die klassische Fernsehwerbung für klassische Produkte in Zukunft noch wie gehabt funktionieren wird und ob sich nicht mittelfristig die Werbemasse auf eine Quantität reduziert, vor der die zig Privatfernsehsender sich nicht mehr im gekannten Umfang finanzieren können. Sollte eine Entwicklung in diese Richtung stattfinden, dann ist aber das Konzept mit der Smartcard und der geringen angedachten Gebühr für den Eimer – dann geht nur Pay-TV oder eben gar nichts.

1998 war ich in London. Ich war privat untergebracht und habe über die schon damals deutlich merkbare Verbreitung von Pay-TV gestaunt. Meine Gastmutter hatte zu dieser Zeit einen Uraltfernseher (bei dem mich wunderte, dass das Bild überhaupt bunt war) und eine fette Sky-Paybox obendrauf. In England geht sowas. Wer über Antenne drei, vier, vielleicht auch sieben oder gar acht Programme frei empfangen kann, der mag eher bereit sein, Pay-TV zu abonnieren, als jemand in – sagen wir beispielsweise Nürnberg – der über DVB-T mehr als zwanzig, über Kabel gute vierzig und mit Schüssel hunderte frei empfangbare Fernsehprogramme zur Verfügung hat.

Aber selbst zu der Zeit, als es hier nur sechs oder sieben Programme gegeben hat, gab es genug Leute, die keinen Kabelanschluss nutzten und keine Schüssel auf dem Dach hatten. Und die wird es wieder geben: Wenn RTL von mir Geld haben will, dann sehe ich kein RTL mehr. Fertig. Wenn Sat 1 von mir Geld will, sehe ich kein Sat 1. Gut is´. Ich werde mit Sicherheit nicht der einzige sein, der so denkt. Und dann haben die Privaten ein echtes Problem: Wenn sie immer weniger Zuschauer technisch erreichen, sinken die Webeeinnahmen automatisch. Dann wird – wir kennen das – erst mal am Personal gespart. Das wird nicht reichen und dann wird, wir kennen das, am sowieso schon dürftigen Programm gespart. Dann kommt das, was wir in den Neunzigern schon hatten: Sie holen verstaubte olle Kammellen Filme aus dem Archiv und nudeln die zum x-ten Mal herunter. Gerne auch in HD (gnihihi!). Was passiert dann? Die Leute haben keinen Bock auf die vierunddrölfzigste Wiederholung vom Schlosshotel Orth oder den in die Pfanne gehauenen Paukern und kündigen die Smartcard. Das ist, lieber VPRT, ein Sterben auf Raten, das sich jetzt schon antizipiert.

Wenn der Verbraucher die Werbung nicht mehr akzeptiert, muss er konsequenterweise auf das Programmangebot verzichten oder eben dafür bezahlen. (Jürgen Doetz, Präsident des VPRT)

Eben nicht! In den Diskussionsbeiträgen zur entsprechenden Meldung der Seite Digital TV sagt ein User:

Nur wenn der Kunde für etwas zahlt, dann hat er auch gewisse Ansprüche. Für unterbrochene, gekürzte und qualitativ minderwertige Programme wird der Kunde auch nichts bezahlen. Ich bezahle meine Zeitschriftenabos, aber die komischen Werbeschmierblättchen sind immer noch umsonst im Briefkasten.
Wenn ich für Fernsehen zahlen soll, dann erwarte ich Serien zeitnah zur Erstausstrahlung, Filme ungeschnitten, nicht unterbrochen, mit 5.1 Ton und Abspann. Und wenn ich dafür zahle, dann will ich all das auch aufnehmen können und anschauen wann und wie es mir passt.

Und hierum dreht es sich im Kern: Wieso sollte ich für RTL und Co. bezahlen, wenn es auch richtiges Pay-TV gibt? Es liegt auf der Hand: Privatfernsehen nimmt man so mit, aber bei der Qualität des Programms finden sich etliche Leute, die nicht bereit sind, hierfür etwas zu bezahlen – auch nicht wenig. Ein anderer User sagt deshalb (ganz radikal):

Es war ein Fehler den Privaten eine Lizenz zu erteilen. Die Folgekosten der Verblödung der Unterschicht sind enorm und durch nichts zu rechtfertigen.

Hier wird der Spieß – nicht ganz zu Unrecht – umgedreht, denn zwischen den Zeilen wird hier artikuliert, dass Privatfernsehen mit Nichten kostenlos ist sondern das Bildungsniveau bestimmter Zielguppen konterkariert und damit sogar Kosten verursacht.

Sollte dieses Modell der Privaten wirklich in die Tat umgesetzt werden, so gibt es zwei Gewinner: Die öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten im Speziellen und die Gesellschaft allgemein. Das können wir in der Tat einmal auf uns zukommen lassen.

Rösler Gesundheitsminister? Hilfe!!

Jetzt ist es – wie nicht anders zu erwarten – soweit: Der gebürtige Vietnamese und FDP-Mann Philipp Rösler zerschlägt das Solidarsystem der Gesundheitversorgung. Wo haben die diesen Bundeswehrarzt denn ausgegraben?

Der Hammer: Der Arbeitgeberbeitrag zur GKV wird eingefroren , der Arbeitnehmer muss Beitragssteigerungen alleine bezahlen – und: Dass unter einem FDP-Gesundheitsminister die Beiträge explodieren dürften, liegt auf der Hand. Unsozial und unsolidarisch ist, dass der Arbeitnehmer unter Umständen den Versicherungsbeitrag unabhängig vom Einkommen stemmen muss. Zwar soll hier mit Steuermitteln geholfen werden, aber: Wer bezahlt diese Steuern?

Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich lachen: Auf die Rückfrage eines Journalisten auf der gerade laufenden Pressekonferenz in Berlin, warum man gerade Philipp Rösler zum Gesundheitsminister mche, reichte die angesprochene Merkel die Frage gleich an Westerwelle weiter. Das sei, so sagte sie augenzwinkernd, keine Distanzierung zu Herrn Rösler. Nö, gar nicht.

Am heutigen Tag (zur Stunde läuft die Pressekonferenz) ist klar: Selbst wenn die „Regierung“ tatsächlich die niedrigen und mittleren Einkommen entlasten würde (woran ich allerdings nicht glaube – das haben sie nämlich noch NIE getan und dafür stehen sie auch nicht), würde es nichts nutzen: Der Plusbetrag, der durch Steuerentlastungen bliebe, würde sofort doppelt und dreifach von den Ausgaben gefressen, die privat zu leisten sind, um überhaupt eine Grundabsicherung zu erhalten.

Der Teufel soll das Pack holen!! Diese Regierung, wer dies bestreitet, ist ein Lügner, steht für soziale Kälte, Sozialabbau, Abschaffung staatlicher Leistungen und für wachstende Armu und: Angst.

Und nun geht es weiter: Ein Außenminister, der der englischen Sprache nicht mächtig ist. Und was will der Schäuble als Finanzminister? Der hat doch als Innenminister schon total versagt… Das Sprachrohr der Weinbauern, Brüderle, wird Wirtschaftsminister!! Was haben die denn bitte geraucht?? Kanzleramtsminister wird der Pofalla (gut, der passt zur Merkel, das ist nur stringent).

Da trifft Not auf Elend. Und reißt das ganze Land in den Keller. Scheiße.

Wir erleben knallharte Klientelpolitik – wer hat bitte die Partei der Besserverdienenden an die Regierung gewählt?

Gerde läuft die PK auf Phönix. Zum Gaudium der Journalisten und Zuschauer. Mit ernsthafter Politik hat das nix mehr zu tun.

Edit: Lesenswert: Schröders Erben beschließen die Kopfpauschale.

Was wird nur aus den Menschen?

Was wird nun nur aus den tausenden Menschen, die einstmals stolz waren auf ihre Quelle, auf ein Stück Wirtschaftswundergeschichte, auf das berühmte Fürth-Nürnbergerische Versandhaus, dem gestern Abend vom Insolvenzverwalter das Totenglöcklein geläutet wurde?

Was wird aus unserem Quelle-Turm, aus dem großen Kaufhaus an der Fürther Straße?

Nun haben sie es geschafft, die Banken, der Herr Middelhoff und Konsorten. Nun wird die Quelle, neben Grundig, Triumph-Adler, der AEG und etlichen anderen nicht nur aus der Unternehmenslandschaft und mit Logos und Shops aus unserem Stadtbild verschwinden sondern auch tausende Arbeitsplätze. Als ob die Region nicht schon genug gebeutelt wäre.

Foto: Quelle.com

Bis zuletzt wurden salbungsvolle Worte der Hoffnung an die Arbeiter gerichtet – umsonst. Derweilen hatte in den letzten Wochen eine Frau namens Madeleine Schickedanz nichts Besseres zu tu, als zu jeder sich bietenden Gelegenheit in hochnotpeinlicher Weise zu bejammern, dass sie als ehemalige Multimillionärin auf den Hartz-IV-Satz zurückfallen würde.

Was wird bleiben? Zerstörte Hoffnungen, tausende Arbeitslose und der denkmalgeschützte Quelle-Turm an der Fürther Straße.

Foto: Wikipedia, CC-BY Jan-Eric Loebe.

Bündnis 90/Die StaSi

Es ist unglaublich. Unfassbar. Zuerst verrieten die Grünen den Politikwechsel im Saarland (und in Thüringen haben sie wohl auch kräftig mitgemischt). Und nun bedienen sie sich über die Länderparlamente hinweg genau der Methoden, die sie bei der Vergangenheit des politischen Gegners immer so anprangern.

Nun ist auch das komplette Formular für die bündnisgrüne Feindbeobachtung aufgetaucht – und zwar hier bei der taz.

Im Grunde darf man sich über die Instinktlosigkeit der Grünen nicht mehr wundern, aber ich fasse es immer noch nicht….

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