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Zum Tode von Franz Josef Degenhardt

Einer der ganz Großen ist gegangen, unerwartet und plötzlich. Gestern ist Franz Josef Degenhardt im Alter von 79 Jahren verstorben.

Schon lange hörte man von Degenhardt keine neue Platte mehr, doch seine alten Platten blieben und bleiben im Gedächtnis und polarisieren bis heute. Dazu gibt es sogar einen aktuellen Kontext: Vorgestern, also am Abend vor Degenhardts Tod, zerriss sich noch der Verräter und Gitarrenquäler Biermann anlässlich eines Features zu seinem 75. Geburtstags auf WDR5 in aller epischer Breite sein bräsiges Maul über seinen „alten Freund“, den er gehasst haben muss, seit Degenhardt Mitte der 1970er Jahre nach seinem Rauswurf aus der SPD der DKP beitat (was man im Nachgang ja nur als ein frühes Erkennen der politischen Zeitzeichen werten darf). Und ich erinnere mich an eine Nachtstudio-Sendung des ZDF über die Liedermacher in den 1990er Jahren – Degenhardts Werk wurde goutiert und polarisierte dennoch.

Die 68er habe er – wenn nicht geprägt – so doch zumindest musikalisch eng begleitet, heißt es. Das mag ich nicht in Abrede stellen, doch dieser Satz impliziert ja, dass besonders in dieser Zeit wirkte – mit Nichten: Generationen der Gewerkschaftsjugend sangen seine Lieder (und singen sie bis heute) und kamen und kommen so in einfühlsamen Kontakt mit der jüngeren Geschichte Deutschlands. Seine „Schmuddelkinder“ waren nicht nur an zahllosen Lagerfeuern gesungen sondern blieben über Jahre ein oft gecoverter Hit.

Degenhardt sozialisiert so nicht allein die deutsche Linke sondern gab der Konservativen auch genug Projektionsfläche für Ihre Antipathien – um diese dann, wie im Lied „Große Schimpflitanei“ 1973 genüsslich auszuschlachten. Dieses Vorhalten des Spiegels regte weiteren Hass auf den Barden der diesen nicht nur geduldig aushielt sondern sauber dokumentierte und somit über Platten- und Buchseiten hinweg ein Gesellschaftsbild der BRD in den 1970er Jahren zeichnete, wie es nur wenigen anderen gelang.

Degenhardt war wandlungsfähig, blieb nicht im Sog der Waldeck-Seligkeit stecken sondern emanzipierte sich auch gegen die sich etablierenden linken Strukturen. Ein Zeugnis dessen legt der „Wildledermantelmann“ von 1977 ab.

Nachdenklich und kämpferisch – im Wechsel von Zeile zu Zeile in Lied und Buch strömte die dichterische Präzision gut dosiert von Rillen und aus Saiten wie Seiten auf den Hörer und Leser zu – der sich der Faszination des Œuvre nicht entziehen kann. Und so prägte er nicht allein seine Hörer- und Leserschaft sondern auch seine Kollegen: „Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich nie angefangen, selbst Lieder zu schreiben“ lässt Konstantin Wecker über Twitter verlautbaren.

Er war einer der Guten, mehr muss nicht gesagt werden.

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