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Können öffentliche safer spaces politikfrei sein?

Ich möchte Euch eine kleine Begebenheit erzählen: Ich war vorletzten Sonntag auf einem Konzert einer deutschen Band in der Würzburger Posthalle (keine Sorge, jetzt kommt keine Konzertkritik, das Konzert war für sich genommen ziemlich okay). Ein wenig genervt hat mich, dass die beiden Frontherren das Publikum mit Takes abgeholt haben, die eigentlich selbstverständlich sind; dass Rassismus und die AfD scheiße sind und man im Circle keine anderen Leute begrapschen soll, braucht man auch dem ländlich-sittlichen Würzburger Publikum nicht zu erklären, das sind Nobrainer, mit denen man sich Applaus abholt – mehr wird man damit nicht erreichen können.

Was mich unter den Nobrainer-Salven aber richtig aufgeregt hat, waren ein paar Takes, die ungefähr so gingen (aus dem Gedächtnis zitiert, wohlgemerkt): „Ja, da draußen geht gerade ziemlich viel Scheiße ab, Krieg und Nazis und die AfD und auch in unserem Freundeskreis gibts da Leute, die damit nicht gut klarkommen und Probleme mit der Psyche bekommen, vielleicht depressiv werden und deshalb redet bitte mit Freunden und wenn das nicht hilft, dann geht doch auch bitte in Therapie.“ Applaus. „Wir jedenfalls wollen hier einen safe space bauen, wo das alles nicht so die Rolle spielt, lasst uns feiern und jetzt kommt auch schon der nächste Song..“. Applaus. Dann wird der Song „Frieden durch Lärm“* gespielt.

In diesem Moment denke ich mir nur noch: „WTF!1!11!“ Vielleicht hat es sich bis zu den Musikanten noch nicht herumgesprochen, dass man hierzulande nicht selten über ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz wartet. Well okay, so sprechen halt privilegierte Leute, daran hat man sich gewöhnt und das ist möglicherweise in diesem Kontext auch nicht weiter schlimm. Was für mich aber wirklich nicht mehr passt, ist, sich auf der einen Seite politisch zu gerieren und auf der anderen Seite dann zu sagen „Aber hier ist ein safe space, da bleibt Politik draußen, geht später an den KBAN-Stand und deckt Euch mit Antifa-Merch ein“ (ich habe das gerade ein wenig karikiert, aber im Grunde sind alle Aussagen unmissverständlich so gelaufen).

An dieser Stelle ist die kleine Anekdote auch schon zu Ende. Im Prinzip könnte es mir wurscht sein, aber ich erlebe gerade in unseren gegenwärtigen, politisch wirklich zum Zerreißen angespannten Zeiten nicht nur auf Konzerten, sondern auch und gerade im social web eine „Gegenbewegung“, deren oberstes Anliegen ist, Kultur- und Diskussionsräume mal charmant, mal silencend, mal verbal durchaus gewaltvoll zur „politikfreien Zone“ zu erklären und das auch durchzusetzen. Die Beweggründe für dieses Vorgehen werden sehr schnell in den Vordergrund gestellt – es gehe hierbei um die Schaffung eines Schutzraums für Menschen mit psychischer Erkrankung, Behinderung oder besonders erhöhter Sensibilität.

Zuerst einmal muss an dieser Stelle gesagt sein, dass es nicht in meinem Interesse ist, die vorgenannten Personengruppen zu „triggern“ oder in irgendeiner Weise mit schwierigem Material so zu beaufschlagen, dass sie dadurch belastet sind. Es muss im Sozialbereich, im Beratungsbereich, im Bereich der Kliniken und Therapiezentren, der Einrichtungen der Rehabilitation… freilich Bereiche geben, die Patienten vor solchen Themen dahingehend bewahren, dass eine Rekonvaleszenz möglich ist. Vergleichbare Schutzräume kann und sollte man sich im Bedarfsfall als Betroffener selbstredend auch im Privaten schaffen und hier in dem Sinne gut für sich sorgen, nur mit der Dosis „Politik“ in Berührung zu kommen, die den eigenen Gesundungsprozess nicht negativ beeinträchtigt. Dies alles steht nicht infrage und stand und steht unter (herzens-)gebildeten Menschen selbstredend auch nicht zur Disposition. So gesehen ist die Existenz solcher „Schutzräume“ ja eigentlich sogar mehr, sie ist ein inklusives Gut.

Die „soziolgisch“ definierten Schutzräume, korrekter wohl „safer spaces“, können einer solchen Anforderung, indes nicht wirklich gerecht werden.

Wie aber verhält es sich dann in der Öffentlichkeit? Auf einem Konzert, auf einer Kulturveranstaltung, im Bereich des Sports? Wie verhält es sich im Bereich der sozialen Medien? Wünschen wir, eine notwendige politische Debatte hier auszuklammern? Oder dort, wo sie sich nicht ausklammern lässt, nur oberflächlich zu streifen? Gerade die Kultur ist (betrachtet man es genau seit einigen tausend Jahren) ein gutes und wichtiges Debatten- und Verhandlungsfeld politischer Positionen und Realitäten. Nicht ganz zu Unrecht enthält die safe space-Definition der Wikipedia, die ich oben verlinkte, den Begriff Empowerment – und Empowerment ist für mich explizit der politische Prozess der Selbstbemächtigung.

Ein Ausklammern politischer Themen in den gerade genannten Bereichen kann, das möchte ich gar nicht in Abrede stellen, eine sehr angenehme Erfahrung sein. In den Pandemiejahren haben viele von uns den Kontakt zu und das Vertrauen in Freunde, Bekannte, Verwandte, Arbeitskollegen… verloren, weil diese plötzlich begannen, die Pandemie, den Klimawandel zu leugnen, esoterisches und rechtsextremes Gedankengut zu verbreiten, weil sie Impfgegner wurden, faschistische Parteien wählten und deren Positionen teilten. Diese Trennungen waren nötig, sie waren richtig, es ist völlig legitim und auch notwendig, solche Leute nicht nur von sich, sondern auch vom Rest der solidarischen Gesellschaft auf Abstand zu halten. Auch dies steht nicht infrage, stand zu keinem Zeitpunkt infrage. Aber es tut natürlich weh – es induziert einen Schmerz, den niemand fühlen möchte (einen Schmerz, den man – ich nehme es an dieser Stelle vorweg – notwendigerweise aber aushalten muss – leider).

Wie schön wäre angesichts dieses Schmerzes und angesichts der immer schwieriger überbrückbaren Meinungspolarisation in der Gesellschaft ein politikfreier Raum, in dem alles schön blushy und cosy wäre, in dem alle, ob Esos, Faschos, Pandemieleugner, TERFs…, Kapitalisten aber auch eben die „coolen“ und „lässigen“, toleranten und liebevollen Leute sich egalitär, völlig ungezwungen über Technik austauschen könnten, labern, feiern, tanzen, saufen oder kiffen könnten. Geile Vorstellung eines idealen Ortes „auf Zeit“?
Wir wissen, wohin das führen wird, wir wissen alle, dass das nicht funktionieren kann, wir sind uns alle gewahr, dass ein politikfrei-reglementierter Ort auch keinen sinnstiftenden Beitrag zur Überwindung gesellschaftlicher Gräben leisten kann. Die Geschichte lehrt: Gewährt man Faschos, Nazis, Esos, Pandemieleugnern, TERFs… Raum, werden sie ihn an sich reißen und alle, die nicht ihrem Denken entsprechen, an den Rand drängen, mundtot machen, ausschließen, sie diskriminieren, sie gettoisieren und sie in letzter Konsequenz sogar töten. Wir kennen das, wir wissen das und wir wissen, dass der Kampf gegen diese Personen und ihre Denke ein fortdauernder Prozess ist und in für uns abzusehender Zeit auch nicht zu Ende sein wird.

Es ist ein Dilemma: Menschen mit psychischer Erkrankung und Behinderung sind Marginalisierte und müssten gegen diese Politik kämpfen, haben dafür aber eben oft auch nicht die entsprechende Kraft. Teil dieses Dilemmas ist auch, sich wegen dieser fehlenden Kraft und der deshalb vermeintlichen Aussichtslosigkeit des Unterfangens vor diesem Themenkomplex schützen zu wollen. Das ist nur allzu verständlich, aber ist es auch sinnvoll?

Gibt es ein Recht auf „Sich-nicht-engagieren“? Ja. Natürlich. Darf ich dieses eigene Recht auch anderen aufoktroyieren? Selbstverständlich nicht. Gibt es ein Recht auf Resignation? Ja, auch das. Aber wir dürfen unsere Resignation nicht anderen überstülpen und dabei genau jene Räume verengen, in denen Strategien entwickelt werden können, Veränderung zu gestalten und ein Antidot gegen die Resignation zu finden.

Menschen mit psychischer Erkrankung und Behinderung sind Marginalisierte und müssten gegen diese Politik kämpfen, denn sie würden mit als erste Opfer rechter, rechtsextremer, populistischer, neoliberaler und rechtslibertärer Politik. Auch diese Erkenntnis schmerzt, auch dieser Schmerz wird nicht dadurch geringer oder gar geheilt, wenn wir versuchen, uns ihm zu entziehen.

Eine Lösung dieses Problems liegt also nicht in der immer weiter um sich greifenden Ausklammerung politischer Realitäten aus dem eigenen Erlebensraum, sondern sich solidarische Unterstützer im politischen Kampf zu organisieren, die selbst dann an der eigenen Seite kämpfen, wenn man selbst keine Kräfte, keine Ressourcen hat. Alles andere überlässt denen den Raum, die es schlecht mit einem meinen.

Ich denke, wenn wir von safer spaces sprechen, dann sind diese für Marginalisierte safe, aber sie sind dennoch immer politisch. Präziser: Es gibt wohl keine unpolitischen Orte, aber Orte, die als „unpolitisch“ apostrophiert werden, können grundsätzlich keine safer spaces sein.

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*bitte an dieser Stelle nicht missverstehen: Das ist keine Kritik am Song „Frieden durch Lärm“, das soll auch keine tiefer reichende Kritik an der Band Lumpenpack sein, das ist ein völlig okayer und absolut harmloser Popsong, damit bin ich fein. Ich kann sogar den Kontext der Ankündigung nachvollziehen, teile das Gesagte aber inhaltlich nicht.

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